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Secession: Im Swingerclub mit Klimt

Secession
(c) AP (Ronald Zak)
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Der Swingerclub im Keller der Künstlervereinigung ist Aufreger der Woche. Doch was hat von all dem die Kunst? Den Schweizer Künstler Büchel kann man dazu nicht befragen, er tritt wie üblich nicht in Erscheinung.

Hier aber hört der Spaß auf, und ein brennender Zorn erfasst jeden Menschen, der noch einen Rest von Anstandsgefühl hat. Was soll man denn zu dieser Pornografie sagen? Man tut ihr zu viel der Ehre an, wenn man sie beschreibt. Für ein unterirdisches Local, in dem heidnische Orgien gefeiert werden, mag diese Installation passen, für Säle, zu deren Besichtigung die Künstler ehrbare Frauen und junge Mädchen einzuladen sich erkühnen, nicht. Gibt es denn in Wien keine Männer mehr, die gegen solche Attentate protestieren?“

Ein Auszug aus den Boulevardblättern der vergangenen Tage zum Swingerclub im Keller der Secession? Nein. Wir schreiben April 1902. Und die Gemüter erregten sich – dokumentiert von Hermann Bahr und hier nur kaum verändert zitiert – über Gustav Klimts „Beethovenfries“, über „Malereien“ statt einer „Installation“, über gemalte Schamhaare an Gorgonen statt echter Intimrasuren in freier Wildbahn. Der Auslöser der moralischen Entrüstung ist derselbe: die für den Zeitgeschmack allzu realistische Darstellung einer sexualisierten Gesellschaft.

 

Wie ein steriles Filmset

Von dieser sind während der regulären Öffnungszeit der Secession allerdings nur Requisiten zu sehen: Über einen Seiteneingang gelangt man ins Souterrain des Hauses, wo für zwei Monate der Wiener Swingerclub „Element 6“ seine Matratzen aufgelegt hat. Eingeladen hat ihn dazu der Schweizer Künstler Christoph Büchel, der mit Sachspenden und Sponsoren detailliert die Stimmung der originalen Räumlichkeiten in der Kaiserstraße herzustellen versuchte. Was ihm, laut Besitzern, gelungen ist: Nach der Garderobe folgt eine geräumige Bar mit Tanzfläche sowie eine von Separees gesäumte Raumflucht. Überall ledergesäumte Gucklöcher – und am Ende die obligate strenge Kammer. Das ganze wirkt wie ein steriles Filmset. Ab 21h erst geht's hier tatsächlich zur Sache. 200 Personen erwartete man am ersten regulären Termin Dienstagabend – aber bitte erotisch gewandet, Jeans und T-Shirts sind nicht erwünscht...

Mit diesen kann man weiterhin den Klimt-Fries im Nebenraum besuchen, den Büchel ebenfalls einbezogen hat, allerdings nur ausstattungstechnisch. Neben dem Abgang sprudelt ein Whirlpool, unter der „Sehnsucht nach Glück“ oder dem „Chor der Paradiesengel“ erstreckt sich ein Palmenhain mit Liegestätten, Plastiksesseln. Das historische Modell der Secession wurde kurzerhand in eine (nicht betriebene) Saunakabine verfrachtet.

Das Motto des Swingerclubs, „Wir schaffen Raum für Sexkultur“, scheint in der Secession also doppelt wahr geworden, bezogen auf Geschichte und Gegenwart. Der Verein wurde sorgfältig ausgewählt, betont auf seiner Homepage die besondere Wertschätzung für Frauen und ist an kultureller Vernetzung interessiert. Doppelt falsch ist daher, was die FPÖ hier ortet: Ein „Gangbang“, also eine Gruppenvergewaltigung, auf Steuerkosten. In einem Swingerclub agieren gleichberechtigte Freiwillige. Der Club trägt sich selbst, die Secession stellt rudimentäre Infrastruktur zur Verfügung, den Rest erledigten Sponsoren.

Doch was hat von all dem die Kunst? Was will Büchel bezwecken? Fragen kann man ihn dazu nicht, der 1966 geborene Schweizer tritt wie üblich nicht in Erscheinung, ist abgetaucht. Ein fragwürdiges Konzept, das 2006 in Salzburg für Verärgerung sorgte, als das von ihm organisierte Volksbegehren „Salzburg bleib frei“ (von zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum) eine anscheinend nicht mehr kontrollierte Eigendynamik bekam.

Doch Büchel entscheidet sich nun einmal – anders als es etwa Christoph Schlingensief tat und tut –, die realen Orte und Situationen, die er ins Kunstumfeld holt, unkommentiert, ohne offensichtlichen sozialkritischen Impetus wirken zu lassen. Was zwar Pathos erspart, dafür Missverständnisse einbringt. Eine Geschmacksfrage. Für die Swinger-Secession gibt es jedenfalls im Fridericianum Kassel einen direkten Vorläufer: 2008 hat Büchel hier für ein deutsches Sittenbild u.a. eine Diskonterfiliale, ein Solarium, ein Fitnesscenter untergebracht. Womit er in der Tradition des Belgiers Guillaume Bijl steht, der bereits 1990 einen Supermarkt in einer Galerie nachbaute.

Dinge, die wir sonst gedankenlos abnicken, werden durch diese Entwurzelung hinterfragt: Der Klimt-Fries als dekorativer Touristenmagnet? Einst Sexskandal. Die Künstlervereinigung als hehrer Musentempel? Büchel ließ zwei Sponsoren (Feuchttücher, Toilettenduft) Plakate an der Fassade anbringen. Und vergriff sich dort auch gleich am Heiligtum selbst, dem Secessions-Kampfspruch „Der Zeit ihre Kunst/Der Kunst ihre Freiheit“. Büchel ließ ihn überblenden: „Der Kunst ihre Kunst/Der Freiheit ihre Zeit“ lesen hier jetzt erstaunte Fremdenführer ihren Gästen vor. Vielleicht sollten auch wir Passanten einmal wieder genauer über diese Wörter und ihren Zusammenhang nachdenken.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2010)