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Matthias Strolz' Abschied: „Ich bin der Pilot meines Lebens“

Neos-Chef Matthias Strolz.
Neos-Chef Matthias Strolz.(c) APA/GEORG HOCHMUTH
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Mit einer emotionalen Rede verkündete Neos-Chef Matthias Strolz seinen Rücktritt. Es ist der Abgang eines Mannes, der die Politik gleichzeitig fürchtete und liebte.

Wien. „Seit Jahresbeginn habe ich zunehmend Klarheit darüber bekommen, dass 2018 das Jahr meiner Amtsübergabe sein wird. So wie mich mein Herz in die Aufgabe einer Parteigründung gerufen hat, so sagt mir die Stimme meines Herzens nun, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, die Führungsverantwortung zu übergeben.“

Mit diesen Worten kündigte Neos-Chef Matthias Strolz am Montag bei einer Pressekonferenz an, dass er sich aus der Politik zurückziehen werde. Was er danach mache, sei noch nicht klar. „Ich schreibe nicht nur gern Gedichte, sondern auch Bücher“, sagte Strolz, er habe auch schon „einige Projekte im Kopf“. Er freue sich auf mehr Zeit für die Familie. „Ich bin nicht Passagier, ich bin der Pilot meines Lebens“, sagte Strolz.

Dass er im Laufe dieser Legislaturperiode die Politik verlassen will, wussten seine engsten Mitstreiter schon. Mit der Verkündung zum jetzigen Zeitpunkt überraschte der Neos-Obmann aber viele. Strolz blickte am Montag mit Stolz auf seine Obmannschaft zurück. Nun sei es aber an der Zeit, diese weiterzugeben – „für die nächste Wachstumsperiode“ der Bewegung.

Es ist das Ende einer Politkarriere, die im Café begann. Rund 15 Leute aus dem bürgerlichen Umfeld versammelten sich im Jahr 2006 im Wiener Café Eulennest. Unter ihnen ein gewisser Matthias Strolz. Ein Jungunternehmer, der sich schon als Vorarlberger Landesschulsprecher und als ÖH-Vorsitzender der Uni Innsbruck engagiert hatte. In den Jahren 2000 und 2001 werkte Strolz sogar als parlamentarischer Mitarbeiter des ÖVP-Abgeordneten Karlheinz Kopf. Doch mit der ÖVP war Strolz nicht zufrieden.

Und diese Grundstimmung war schon damals im Café deutlich zu spüren. Es wurde geredet, philosophiert, debattiert. „Nach der dritten Flasche Wein haben wir angefangen zu politisieren, nach der fünften haben wir gesagt, wir brauchen eine neue Partei“, sollte Strolz Jahre später einmal die Geschehnisse zusammenfassen.

Irgendwie drängte Strolz schon immer in die Politik. Als er im Jahr 2011 ein Buch zum Thema schrieb, wollte er es „Ich liebe Politik“ nennen. Der Verlag fand aber, dass sich ein Buch mit diesem Titel nicht verkauft. Und so hieß es schließlich „Warum wir Politikern nicht trauen . . . und was sie tun müss(t)en, damit sich das ändert“. Und doch zögerte Strolz, selbst in die Politik zu gehen. „Noch viel größer als die Lust war viele Jahre die Angst. Weil ich wusste, dass sich mein Leben völlig auf den Kopf stellen würde“, resümierte Strolz am Montag.

Indirekt war der frühere SPÖ-Staatssekretär Josef Ostermayer schuld daran, dass Strolz Ernst machte. Im Oktober 2011 kam es für eine Zeitung zum Streitgespräch zwischen Ostermayer und Strolz rund um dessen Buch. „Würden Sie Herrn Strolz raten, in die Politik zu gehen?“, wurde Ostermayer dabei gefragt. Der Staatssekretär verneinte und riet Strolz, er solle besser weiterhin Politikberater bleiben. Das weckte den Ehrgeiz in Strolz endgültig. Am nächsten Tag telefonierte er mit seinem Vertrauten Veit Dengler. Zusammen riefen sie die Neos ins Leben, auch wenn Dengler wegen eines Engagements als Medienmanager dann nie bei einer Wahl kandidieren sollte.

 

Emotional, auffällig, umstritten

Nach Vorarbeiten wurde im Oktober 2012 das Neue Österreich (kurz Neos) offiziell als Partei angemeldet. Für viele überraschend schaffte die Partei mit fünf Prozent im Jahr 2013 den Einzug in den Nationalrat, 2017 wiederholte sich das Kunststück. Zu verdanken war das vor allem der Person des Matthias Strolz, der frühere Wähler der ÖVP, der Grünen und des Liberalen Forums ansprach.

Mit prägnanten Sprüchen wie „den Kindern die Flügel heben“ oder dem „Enkelfitmachen“ von Pensionen fiel Strolz auch in weiterer Folge auf. Mit Kastaniengedichten oder dem Philosophieren über das Umarmen von Bäumen polarisierte der Parteigründer freilich ebenso wie mit seinen teilweise sehr emotionalen Parlamentsreden und Videos in Social-Media-Kanälen. „Ich gestehe mir Emotionen zu. Weil ich mir sage, vielleicht verschaffe ich damit auch Gehör für meine Botschaft“, sagte Strolz erst vor wenigen Wochen im „Presse“-Interview.

Seinen Emotionen ließ Strolz auch am Montag freien Lauf, als er phasenweise mit den Tränen kämpfte und mit gebrochener Stimme seine politische Karriere resümierte: „Ich bin dankbar, dass das Leben mir diese Aufgabe mit auf den Weg gegeben hat“, sprach der Neos-Gründer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2018)