Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs gerät der Baukonzern unter Druck: Er steht unter Verdacht, vorsätzlich falsch gebaut zu haben. Beschäftigte sollen Stahlbefestigungen falsch oder gar nicht eingebaut haben.
Wien (mar). Die Bilder eines spektakulären Ereignisses aus dem vergangenen Jahr sind derzeit wieder täglich in den deutschen Medien zu sehen: Ende März ist in der Innenstadt von Köln das Stadtarchiv und mit ihm eine ganze Häuserzeile eingestürzt, zwei Menschen kamen ums Leben. Auch unzählige Jahrhunderte alte Handschriften und Kunstwerke, die die Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs überstanden haben, gingen verloren.
„Gefälscht, dann verkauft“
Obwohl ein direkter Zusammenhang mit dem Bau der U-Bahn in der Nähe nicht nachweisbar war, äußerten Kölner Medien und Sprecher der Landesregierung Vermutungen in diese Richtung. Nun bekommt diese These ständig neue Nahrung, seit die Staatsanwaltschaft Köln am Wochenende ihre Ermittlungen gegen die Baufirmen aufgenommen hat, welche am Bau der U-Bahn beteiligt sind. Das ist die Strabag-Tochter Züblin und das Unternehmen Wayss & Freytag.
Im Mittelpunkt der Ermittlungen wie auch der Öffentlichkeit steht der zweitgrößte deutsche Baukonzern, Bilfinger Berger. Konkret sollen Beschäftigte hier systematisch Stahlbefestigungen falsch oder gar nicht eingebaut haben. Gleichzeitig sollen dazu gehörende Bauprotokolle gefälscht worden sein, um den Pfusch zu vertuschen. Die für Befestigungsanker in der Erde vorgesehenen Stahlanker seien illegal verkauft worden, heißt es weiter in Medienberichten, welche die Ermittlungen der Kölner Staatsanwaltschaft ausgelöst haben. Daraufhin wurde eine Überprüfung von Bilfinger Bergers Arbeit am Bau der Düsseldorfer U-Bahn angekündigt.
Zusätzlich hat jetzt auch die Staatsanwaltschaft München Ermittlungen aufgenommen. Bayerische Behörden gehen Hinweisen nach, dass auch beim Bau der ICE-Schnellverbindung von München nach Nürnberg ähnliches passiert sein könnte: Dort war der Konzern für den Einbau von 500 Erdankern zuständig, welche Böschungen für tiefer liegende Schienenwege befestigen sollten. Nach offiziellen Angaben gebe es Anzeichen, dass auch hier zu wenige Bauteile eingebaut waren und Bauprotokolle gefälscht wurden. Auch Volker Kefer, Vorstand der Deutschen Bahn, wurde in Richtung des Baukonzerns ungewöhnlich deutlich: „Wir fordern Bilfinger Berger ultimativ auf, uns sofort alle Informationen offenzulegen, die eine Überprüfung konkreter Bauwerke ermöglichen.“
Auch in Österreich groß
Auch wenn weder beim Einsturz in Köln noch bei der erst kürzlich eröffneten ICE-Strecke in Bayern die Schuld von Bilfinger Berger erwiesen ist, sind die Ermittlungen eine Katastrophe für das Image des zweitgrößten deutschen Baukonzerns, dessen österreichische Tochter auch hierzulande zu den Großen gehört. Im Herbst 2009 sorgte Bilfinger Berger mit der Übernahme des Linzer Anlagenbauers MCE für Aufsehen. Allein in Wien war Bilfinger Berger zum Beispiel am Ausbau der U2 und U1 beteiligt und gehört zu den Auftragnehmern beim Umbau des Westbahnhofs und der Infrastruktur rund um den neuen Hauptbahnhof, sowie an zahlreichen weiteren Projekten.
Entsprechend stark ist die Unternehmensführung nun um Schadensbegrenzung bemüht. In Köln wurden ein Polier und zwei Bauleiter entlassen. Konzernchef Herbert Bodner trat diese Woche an die Öffentlichkeit und kündigte eine Überprüfung aller Bauprojekte an, die eine ähnliche Technik wie in Köln verwenden. Er erwähnte aber auch „kriminelle Machenschaften“, von denen der Konzern in Köln betroffen sei. Für diesen Mittwoch ist bereits die nächste Pressekonferenz anberaumt. Dort wird sich der Vorstandschef die Frage gefallen lassen müssen, was genau er darunter versteht. Viele Anleger gehen derweil auf Distanz zur Aktie von Bilfinger Berger: Das Papier war am Montag und Dienstag bis zu sechs Prozent im Minus.
auf einen blick
■Bilfinger Berger soll systematische beim U-Bahn-Bau in Köln und bei der ICE-Verbindung München–Nürnberg gepfuscht haben. Möglicherweise war der Einsturz 2009 in Köln die Folge.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2010)