ÖSV-Adler: Die Schattenseite der olympischen Medaille

ÖSV-Adler
ÖSV-Adler(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Sebastian Krauss)
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Olympiasieger zu sein ist nicht nur lustig. Der Sprung selbst ist weniger anstrengend als der Parcours, der auf die Goldgewinner wartet. Die ÖSV-Adler absolvieren den ganz gewöhnlichen olympischen Horrortrip.

Whistler. Sie sind ihren Kollegen aus Deutschland nicht nur auf der Schanze überlegen. Auch jetzt im Pressezentrum des Olympic Park in Whistler sind sie souverän. Bei der internationalen Pressekonferenz der Medaillengewinner geben Wolfgang Loitzl, Andreas Kofler, Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer ihre Statements auf Englisch ab. Keine großartigen Erklärungen, aber die drei Agenturjournalisten in der ersten Reihe sind da nicht so wählerisch. Zum x-ten Mal tippen sie ein „I am very happy“ in den Laptop. Notieren ein „This is a great day“. Die deutschen Silbermedaillengewinner brauchten für diese Stehsätze einen Dolmetscher.
Warum sie im Einzelbewerb nicht so gut gesprungen sind, will ein US-Journalist wissen. Geduldig erklärt ihm Morgenstern, dass er mit dem Anlauf Probleme hatte, und liebend gern auch im Einzel weiter gesprungen wäre.

Geduld. Das ist es, was ein Medaillengewinner bei Olympischen Spielen braucht. Gleich nach der Flower Ceremony geht die Geduldsprobe los. Erstes Fernsehinterview, zweites Fernsehinterview, drittes Fernsehinterview. Dann zu den Kollegen vom Radio. Erstes, zweites, drittes . . .

Weiter im Spalier zu den Printmedien. Hier warten jene ungeduldig, die noch etwas ins Blatt bringen wollen. Da geht's nicht mehr um Haltungsnoten. Da geht's um schnelle O-Töne. „Wie war's?“ Oder: „Sag was!“ lauten die Fragen. Und die Antwort drauf? „Ich bin sehr glücklich.“

Es muss eine Art Gehirnwäsche sein für Sportler, hunderte Male dasselbe gefragt zu werden, hunderte Male die gleichen Antworten zu geben. Zwischendurch zur Dopingkontrolle und weiter geht's.

Jetzt hat Andreas Kofler einen Grinser aufgezogen. Vor zwei Tagen war er hier als Vierter herumgereicht worden. Erstes, zweites, drittes Fernsehinterview. Die ganze Ochsentour. Damals lautete die Standardfrage: „Wie geht's dir?“ – „Scheiße“, war die Antwort.

Die offizielle Pressekonferenz dauert keine fünf Minuten. Schnell sucht Gregor Schlierenzauer das Weite. Er geht bei Journalisten auf Distanz. Und auch bei seinen Mannschaftskollegen. „Schlieri ist sein eigenes Team“, sagt ein Journalist.

Wenn der Druck abfällt

Die anderen drei und Cheftrainer Alexander Pointner geben wieder Interviews. Und natürlich wieder eine Frage zum Bindungsstreit. „Mir ist vor allem wichtig, dass es mit Simon Ammann auf persönlicher Ebene weiterhin ein gutes Verhältnis gibt“, sagt der Cheftrainer, dessen Vertrag in Kürze ausläuft.
Kofler und Morgenstern sind ausgelassen. Es ist fast spürbar, wie der Druck allmählich abfällt. Lässig setzt sich Morgenstern seine modische Sonnenbrille auf. Wolfgang Loitzl scherzt nicht. „Ich empfinde diese Goldmedaille noch nicht richtig“, sagt er fast entschuldigend. Ausgerechnet er wartet noch auf das große Glücksgefühl. Er, der an diesem Tag bei seinen vierten Spielen seine allererste Medaille gewonnen hat. „Vielleicht ist es, weil wir so klar gewonnen haben, weil wir um den Sieg nicht bangen mussten“, meint er. Aber zum Nachdenken bleibt ohnehin keine Zeit.

In einer halben Stunde haben sie ihren großen Auftritt im Österreicher-Haus. Wieder dieselben Fragen, wieder dieselben geduldigen Antworten. Posen mit den olympischen Würdenträgern.
Irgendwann dazwischen schälen sie ihre knapp 60 Kilogramm aus den Sprunganzügen, irgendwann dazwischen vielleicht ein kurzes Telefonat mit jenen, die einfach nur glücklich sind mit ihnen. Und dann gleich wieder los zur Medaillenfeier nach Whistler.

Der große Moment ist schnell vorüber, die Bundeshymne kaum verklungen, da geht es hinein in die Mixed Zone. Interviews, Fragen: „Wie war's?“
Und am Abend? Da wandern die Medaillen in den Koffer, wird gepackt. Am nächsten Morgen ab Richtung Flughafen. Olympia ist vorüber. In eineinhalb Wochen geht in Lahti der Weltcup weiter. Ein Teambewerb. Trifft sich ja gut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2010)

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