Lokalaugenschein
Der Swingerclub in der Secession
Die Installation "Raum für Sex-Kultur" in der Wiener Secession sorgt für Aufregung. DiePresse.com machte einen Lokalaugenschein. Wieviel Kunst steckt hinter der Kulisse des Swingerclubs?
"Der Zeit ihre Kunst - Der Kunst ihre Freiheit" ist der Wahlspruch der 1897 gegründeten Wiener Secession. Mit einer neuen Ausstellung sorgt die Wiener Kultureinrichtung wieder für Aufregung. DiePresse.com machte am 24. Februar einen Lokalaugenschein.(felb)
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Die Installation "Raum für Sex-Kultur" des Schweizer Künstlers Christoph Büchel bespielt das Untergeschoß der Secession mit einem echten Swingerclub: Der "Verein der kontaktfreudigen Nachtschwärmer" ist für die Dauer der Ausstellung von der Kaiserstraße in die Secession gezogen.
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Tagsüber werden (erwachsene) Besucher, die sich für das Beethovenfries interessieren, durch die leeren Räumlichkeiten geschickt, in der Nacht läuft im Swingerclub "Element6" Normalbetrieb.
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Am Dienstag Abend bat die Secession zum Foto-Termin. Vor der Eröffnung um 21 Uhr tummelten sich geladene Journalisten in den Räumlichkeiten.
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Der Betrieb des Swingerclubs wurde durch Komparsen simuliert. Auf der Bühne fanden Bondage-Shows statt.
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Was erwartet den Besucher der Installation? Im Souterrain der Secession gelangt man zuerst in einen geräumigen Barraum mit Bühne, DJ und Striptease-Stange.
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In den Raumecken kann man sich hinter halb verschlossenen Vorhängen auf Samt-Sofas zurückziehen.
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Am hinteren Ausgang des Bühnenraums gelangt man zu einem Barraum, der mit erotischen Bildern verziert ist.
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Von dort geht es in einen Raum mit der Anmutung eines Jagd-Zimmers. Der offene Kamin ist übrigens nicht echt - die Flamme lodert auf einem Flachbildschirm.
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Von diesem Jagd-Zimmer gelangt man schnurstracks in eine "strenge Kammer" inklusive Andreaskreuz, Pranger, Fetish-Möbel und Gynäkologen-Stuhl. Fotos sind dort allerdings nicht erlaubt.
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Spaziert man vom großen Bühnenraum in die andere Richtung, bewegt man sich in den Separee-Bereich.
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Viele kleine Matratzenlager, mit Polstern geschmückt und teilweise verspiegelt, warten darauf, dass es auf ihnen zur Sache geht.
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Ledergesäumte Gucklöcher sollen den Blick auf Liebespärchen freigeben und die "Spanner" erfreuen.
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Von dort gelangt man zum berühmten Klimt-Fries im Nebenraum, der ausstattungstechnisch einbezogen wurde. Daneben sollte auch ein Whirlpool sprudeln. Am Eröffnungstag war dieser allerdings wenig ansprechend mit einer Plastikfolie abgedeckt.
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Zum Schutz des Beethovenfrieses wird der als Swingerclub gestaltete Raum mit dem wertvollen Kunstwerk in der Nacht geschlossen, so Secessions-Pressesprecherin Urte Schmitt-Ulms.
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Unter der "Sehnsucht nach Glück" und dem "Chor der Paradiesengel" wurde ein Palmenhain angelegt: Mit Plastik-Liegestühlen und Plastiksesseln. Prädikat: Billig-Sex-Film-Kulisse. Da fehlt nur mehr der Gartengriller.
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Der erste Eindruck beim Lokalaugenschein: Christoph Büchel wollte mit Sachspenden und Sponsoren detailliert die Stimmung der originalen Swinger-Club-Räumlichkeiten in der Kaiserstraße herstellen. Das ist ihm laut Besitzern gelungen. Allerdings wirkt das ganze etwas steril - wie ein steriles Filmset.
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Das Motto des Swingerclubs - "Wir schaffen Raum für Sexkultur" - wurde vom Publikum am ersten Abend nicht angenommen. Viele schlichen durch die Separees und haben sich das Ganze "nur mal angeschaut".
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Richtige "Swinger" waren kaum im Publikum vertreten. Möglicherweise waren sie durch die abwertenden Berichte in der Boulevardpresse abgeschreckt. Oder sie wollten nicht ins Licht der Medien rücken.
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Andere Club-Besucher kritisierten die gewisse Distanz des Publikums, die in anderen Swinger-Clubs nicht zu spüren sei.
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Die öffentliche Diskussion über das Projekt ist intendiert: Der Künstler, der in seinen Rauminstallationen und Projekten stets reale Gesellschaftszustände inszeniert und soziale Situationen in den Kunstraum transportiert, spielt auch auf die Raumvermietung von Kulturinstitutionen an. Und eben diese Vermietungskonstellation schlägt sich auch in der in den Medien kritisierten Finanzierung der Schau nieder, so die Secessions-Sprecherin.
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Büchel spielt zudem auf jenen Aufruhr an, den Gustav Klimt einst mit seinem Beethovenfries ausgelöst hat. Dieses sei heute kein Skandal mehr, so die Pressesprecherin, die Installierung eines Swingerclubs in den Räumlichkeiten der Secession hingegen sei der damaligen Situation ähnlich.
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Fazit: Die Secession will aufregen. Kunst und Kommerz, Ausstellungsbetrieb und Barbetrieb, die Geschichte der Secession und die Zukunft werden in einen Topf geworfen und durchgeknetet. Was kommt dabei heraus: Viel Kulisse, wenig Sinn. Und etwas Ratlosigkeit beim Betrachter.
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Bis 18. April gastiert der Swingerclub noch im Keller der Secession. Die berühmte Aufschrift ließ Büchel übrigens überblenden: "Der Kunst ihre Kunst - Der Freiheit ihre Zeit" steht bis zum Ausstellungsende auf dem berühmten Gebäude.
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