Eisschnelllauf: Auf die falsche Bahn geraten

(c) AP (Matt Dunham)
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Hollands Superstar Sven Kramer wurde beim 10.000-Meter-Lauf auf dem Weg zu Gold vom eigenen Trainer gestoppt.

Vancouver. Gerard Kemkers ist zur Zeit wohl einer der unbeliebtesten Niederländer. Mit einem Fingerzeig ist ihm diese zweifelhafte Ehre zuteil geworden. Mit einem falschen Fingerzeig. Denn Kemkers ist der Trainer des Eisschnelllauf-Superstars Sven Kramer.

Der 23-Jährige absolvierte am Dienstag seinen 10.000-Meter-Lauf. Es hätte nach den 5000 Metern seine zweite Goldmedaille werden sollen – ja müssen. Seit vier Jahren ist er auf dieser Strecke ungeschlagen. Und tatsächlich fuhr er im Richmond Oval seine Konkurrenten in Grund und Boden. Am Ende war er mehr als vier Sekunden schneller als der Koreaner Lee Seung Hoon. Trotzdem war Kramer zum Heulen zumute. Wutentbrannt flüchtete er in die Katakomben des Stadions.

Denn in der 17. von 25 Runden passierte seinem Coach das folgenschwere Missgeschick. Er deute Kramer an, auf die Innenbahn zu wechseln. Kramer kam so im wahrsten Sinne des Wortes auf die falsche Bahn. „Plötzlich war er vor mir. Auf derselben Bahn“, erzählte Ivan Skobrev nach dem Rennen. Der Russe erhielt am Ende Silber hinter Seung Hoon, Bronze ging an den Niederländer Bob de Jong.

„Ein paar Runden vor dem Ende merkte ich, dass etwas passiert ist. Ich sah, wie meine Freundin ihr Gesicht in die Hände vergräbt und dachte nur: Scheiße, Scheiße, große Scheiße.“

Trotzdem riss Kramer, der es offensichtlich immer noch nicht fassen wollte, beim Überqueren der Ziellinie den Arm in die Höhe. Augenblicke später erschien auf der Anzeigentafel nicht seine Bestzeit, sondern die Buchstaben DSQ: „Disqualifiziert.“ Wütend schleuderte er seine Brille weg. „Ich bin außer mir“, sagte er später. „Es war der beste 10.000-Meter-Lauf meines Lebens. Ich werd verrückt mit meinem Trainer.“

Kramer hätte mit drei Goldmedaillen in die Fußstapfen seines Landsmanns Ard Schenk treten wollen, der 1972 in Sapporo drei Goldmedaillen gewann. Am Freitag und Samstag tritt Holland mit Kramer als großer Favorit beim Teambewerb an.

Bis dorthin wird es wohl auch ein klärendes Gespräch mit dem Trainer geben müssen. Kemkers, einst selbst Weltklasse-Eisschnellläufer und Bronzegewinner bei den Spielen in Calgary 1988, war nach dem Rennen seines Schützlings am Boden zerstört.

„Es war mein Fehler, ich bin schuld“, rang Kemkers um Fassung und sagte: „Es ist ein Desaster. Für mich bricht eine Welt zusammen. Es ist das Schlimmste, was mir in meinem Leben passiert ist.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2010)

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