Kosovo: Skiparadies im Dornröschenschlaf

(c) Thomas Roser
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Früher einer der populärsten Skiorte am Balkan, wartet Brezovica sehnsüchtig auf seine Privatisierung und potente Investoren. Das Problem: Es liegt in einer Serben-Enklave.

Prishtina. Weiß blinken die Gipfel des Sar-Massivs über dem malerischen Tal: Zumindest an Schnee herrscht im Kosovo-Skiort Brezovica kein Mangel. Doch Touristen drängen sich nur am Wochenende vor den drei noch funktionierenden Liftanlagen des „schneesichersten Skiresorts auf dem Balkan“. Die Sorge um die Zukunft der wichtigsten Einnahmequelle in der Serben-Enklave ?trpce beeinflusst das Leben im Schatten des 2500 Meter hohen Gebirgsmassivs.

Investitionen sind dringend nötig, „doch jeder hat Angst vor einer Privatisierung“, sagt Stanislav Staletovic. Auch er selbst, der Rezeptionschef im vorübergehend geschlossenen Hotel „Narcis“: „Das Resort ist der größte Arbeitgeber hier. Wenn wir rausgeworfen werden, geht gar nichts mehr.“

Nur noch der überdimensionierte Festsaal und die zerschlissenen Sessel in der Lobby künden in der menschenleeren 300-Bettenburg von den besseren, jugoslawischen Zeiten. Damals galt Brezovica wegen seiner anspruchsvollen Steilhangpisten als einer der populärsten Wintersportorte des zerfallenen Vielvölkerstaates.

Staatliches Geisterresort

Nach dem Ausbruch der Jugoslawien-Kriege Anfang der 90er-Jahre begann der Niedergang. Erst blieben Investitionen aus, dann die Touristen. Als nach Ende des Kosovo-Krieges 1999 mit der UN-Verwaltung die Enklave faktisch von Serbien abgetrennt wurde, versiegte der Gästestrom aus dem Mutterland. Zwar finden nun mehr albanische Skiliebhaber aus den nahen Kosovo-Metropolen den Weg nach Brezovica. Doch über Nacht bleiben sie selten.

Die meisten Hotels des staatlichen Inex-Konzerns, der in Brezovica noch 200 Beschäftigte zählt, sind gähnend leer, geschlossen oder zu Flüchtlingsheimen umfunktioniert. Das Resort sei nicht für die Marktwirtschaft gerüstet, sagt Ylli Kaloshi, Sprecher der kosovarischen Privatisierungsbehörde KPA: „Die Privatisierung ist die einzige Lösung.“

Der in Reichweite der Flughäfen von Prishtina und Skopje (Mazedonien) gelegene Ort müsse zum internationalen Ganzjahres-Touristenziel entwickelt werden. Brezovica könne zu einem internationalen Touristenmekka mit 2,4 Millionen Gästen im Jahr entwickelt werden, glaubt gar eine hoffnungsfrohe Studie der kosovarischen Investitionsagentur.

Politik hielt Interessenten fern

Doch die Realität sieht derzeit noch anders – und trostlos – aus. Noch muss sich Brezovica mit einigen zehntausend Tagesausflüglern im Jahr bescheiden. Vor allem das endlose Tauziehen zwischen Belgrad und Prishtina um den Status der Provinz hat einer Privatisierung jahrelang im Weg gestanden. Auch nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo 2008 sperrte sich die weitgehend entmachtete serbische Verwaltung vehement einer Privatisierung unter der Federführung Prishtinas.

Die KPA plane, das „zweitbeste Skizentrum Europas“ an einen albanischen „Tajkun“ zu verschleudern, um das Holz aus dem Nationalpark auszuschlagen – und serbische Angestellte durch albanische zu ersetzen, warnt düster Zvonko Mihajlovi?, der Chef der serbischen Parallelverwaltung: „Serbien ist der Eigentümer. Wie können die Albaner etwas privatisieren, das ihnen nicht gehört?“

Doch die KPA setzt auf eine wachsende Kooperationsbereitschaft für ihre Privatisierungspläne. Die Hindernisse seien überwunden, sagt Kaloshi. Drei kleinere Restaurants hat die KPA kürzlich in einem ersten Schritt zur Privatisierung ausgeschrieben.

Aber im Rathaus von ?trpce ertönt entschiedener Widerspruch. Ihn habe niemand kontaktiert, beteuert Bürgermeister Bratislav Nikolic, der einen stückweisen Verkauf in Zeiten der Krise für einen „fatalen Fehler“ hält. Bislang seien 60 Prozent aller Privatisierungen in Kosovo ein „Misserfolg“ gewesen. Deshalb fordert er einen „Aufschub“ und einen „Masterplan“. Mindestens 50 Millionen Euro müssten von einem Investor in das Resort investiert werden. Nicht der erzielte Preis sei entscheidend, sondern was der Investor mit dem Skizentrum plane: „Wir sollten zuerst klären, was wir hier eigentlich wollen.“

Auf einen Blick

Brezovica im Kosovo war eines der beliebtesten Skiresorts Jugoslawiens. Seit dem Balkankrieg bleiben die Gäste aus. Die Hotels des staatlichen Inex-Konzerns müssten dringend renoviert werden. Das Potenzial ist groß. Aber das Misstrauen der hier ansässigen Serben gegenüber den Behörden der Kosovo-Albaner hat einen Verkauf an finanzkräftige Investoren bislang verhindert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2010)

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