Der Schnee ist federleicht, der Skiraum frei – bis auf Widerruf. Skifahren in den USA folgt etwas anderen als alpinen Gesetzen. Eine Stippvisite in den Vail Resorts
Bei einem Gefälle von 30 Grad aufwärts wird die Pistenraupe zur Schnecke. Langsam kriecht sie den Berg hinauf. Oben wird sie sich um ein paar hundert Kilo Lebendgewicht erleichtern und dreimal so schnell wieder hinunter in die Senke brettern, damit sie rechtzeitig da ist, um ihre Fracht aufzunehmen und sie auf den nächsten Grat zu befördern: zum nächsten Einstieg in einen weiteren unverspurten, tiefweißen Hang. Einstiege, Hänge und Pulverschnee – davon gibt es in Keystone (Colorado) eine ganze Menge. So wie in den anderen Vail Resorts – Vail, Breckenridge und Beaver Creek, mit dem der kleine Ort logistisch verbunden, aber durch Autodistanzen getrennt ist.
Beim „Kat Skiing“, also beim Skifahren mit Pistenraupe, bleibt die volle Last des Aufstiegs bei der Maschine, damit die blanke Lust der Abwärtsbewegung wiederum beim Freerider bleibt. Ehrgeizige könnten jetzt sagen: Kat Skiing ist Tourenskifahren für Gehfaule. Abenteurer könnten behaupten: Heliskiing mit Bodenhaftung. Versnobte könnten meinen: Die Raupe ist der Heli für Arme. Ist doch egal – mit Kat Skiing bietet sich eine so gute wie originelle Möglichkeit, tiefer in das Outback der
Rocky-Mountain-Skigebiete einzudringen, als es der klassische Tourengeher an einem Tag schaffen würde.
Siehe da, auch wir sitzen ganz entspannt in der rumpeligen Schneekatze. Hände fliegen durch die Luft, Schmähs schießen hin und her. Lilly hüpft vergnügt von Schoß zu Schoß, und jeder will sich mit der hübschen schwarzen Lawinenhündin anfreunden – schon einmal vorsorglich.
Lautstark matcht sich unser Amerikanisch-Deutsch mit ewig haltbaren Nummern von den Talking Heads und Peter Tosh: „Denk an den Reggae-Sound, wenn du losfährst. Dann überträgst du den Rhythmus automatisch auf deine Ski“, empfiehlt James, einer der Guides. Wenn das so einfach wäre bei den Tonnen Schnee, die das kontinentale Klima in die Berge schaufelt.
Kniehöhe. James, Brant und Mitch: Wir haben es optisch mit einer Mischung aus Hermann Maier, Andreas Hofer und Russell Crowe zu tun. Je nach Gewichtung wirkt das attraktiv auf die Teilnehmerinnen, jedenfalls vermittelt es der ganzen Truppe ein Gefühl von Sicherheit. Das sind Naturburschen, die einen ohne mit der Wimper zu zucken aus schultertiefen Mulden ausgraben, obwohl man um sie einen großen Bogen hätte machen müssen. Und mit ballistischer Genauigkeit werden die drei wilden Kerle auch die Ski orten, die man beim Verkanten unter der allertiefsten Schneeschicht ausgezogen hat.
Ein bisschen gebrieft sind wir bereits, als wir nach einer halben Stunde Anfahrt bis zu den Knien in dieser unglaublichen Rocky-Mountains-Pampa stehen: Viertausender bauen sich am Horizont auf, etwas sanftere Riesen als unsere Hohen Tauern, weil sie von hier, mitten in Colorado, weniger wild zerklüftet als die Alpen erscheinen. Die langen Lifte, die glatt „gegroomten“ Pisten, die Lodges von Keystone sind weit entfernt. In der Plastikjurte im Hauptquartier der „Keystone Adventure Tours“ haben wir noch geprobt, wie man den Lawinenpieps ein- und umstellt. Wir haben eine Adresse hinterlassen, wer im Ernstfall in Europa anzurufen ist. Jetzt machen wir uns aus, dass sich bei einem Sturz zuerst einmal jeder selbst hilft. „Ihr klopft euch auf den Kopf um zu zeigen, dass ihr okay seid. Sonst gelten alle anderen Zeichen“, erklärt Mitch.
Rodeoski. Um ordentlich hinunterzukommen sollten uns die Skier helfen. Die extra-breiten, untaillierten und vorn und hinten aufgebogenen Bretter – sogenannte Fatboys – schwimmen im Tiefschnee automatisch, angeblich. Vertrauensbildend wirkt immerhin, dass sie die Namen von siegreichen Rodeobullen tragen. Und so heißen wir dann auch einen ausgelassenen Skitag lang: „Puddle of Mud“ oder „I am a Gangster“.
Den Auftakt zum Kat Skiing kennt der Österreicher vom Skikurs. Das Vorfahren am Gelände-Deppenhang soll Mitch, Brant und James zeigen, was sie dem Trupp zumuten dürfen. Begleitet von witzigen Kommentaren wird der Test bestanden, dann sollten sich die Abfahrten rasch steigern: Runs über steileres Gelände, durch schwierigere Passagen und einen langen, baumfreien, windgepressten Bergrücken hinunter, den wir mit Freeride-Correctness nehmen sollen. „Setzt eure Spur eng neben die andere.“ Die anderen wollen schließlich auch noch „fresh lines“ haben. Der freie Skiraum funktioniert nach Regeln: „Abstand halten am Waldweg, damit ihr euch nicht über den Haufen fahrt!“
Doppelhelix. Sanft umarmt der Vordermann eine Kiefer. Manchmal, erzählt er, würden er und seine Kumpels sich im Sommer eine Lizenz zum Holzfällen kaufen. Aus Spaß drei, vier marode Bäume mit der Motorsäge umnieten, das ist schwerste Karierte-Hemden-Abteilung – und passt zu den Handschuhen, die man als eingeweihter Freerider trägt: Marke Kinco, gefüttert, aus dem Baumarkt um 14 Dollar. In diesem Moment versteht man solche Neo-Locals, warum sie Minnesota, Texas und New York den Rücken kehren und in die Rockys übersiedeln. Mit Pistenraupe und Skiern durchs Backcountry gurken, den Sommer hindurch mountainbiken und trekken. Und sonst halt „drinking beer and telling lies“. Was für ein Leben.
Skiguides wie James unterschlagen dabei freilich, dass es ein ganzes Stück Arbeit bedeutet, bis der Freerider ganz beruhigt draußen im Tiefschnee stehen kann: Wetterdaten, Schneedecken und Lawinensituation müssen permanent beobachtet, kontrolliert und es muss darauf mit Absperren und notfalls Sprengen reagiert werden. Kaum, dass wir von diesen täglichen Mühen etwas bemerken. Wir schauen auf die Spuren zurück, die wir nach sechs ungestümen Rides hinterlassen haben und sind zufrieden mit halbwegs gleichmäßigen Doppelhelices. Spätestens in ein paar Tagen, wenn der Wind drübergebürstet hat, werden sie verschwunden sein.
Berggriller. Wind und Schneeschauer tun der Gemütlichkeit nur wenig Abbruch. Der US-Skibetrieb zeigt sich weitgehend resistent gegenüber den Elementen. Bubbles und Sitzheizung, das ist was für verwöhnte Europäer. Warum nicht im Gastgarten pausieren, wenn sich drin die Leute stapeln? Schon recht angezuckert sitzen ein paar Wetterfeste draußen vor der „Two Elk Lodge“ vor halb eingeschneiten Colabechern.
In Böen schlagen uns Wellen von Neil Young, dann von der Dave-Matthews-Band entgegen – das Charmedefizit so mancher Bergeinkehr kompensiert man mit Rockmusik: eine Großtat, die jedem zweiten österreichischen Skihüttenbesitzer gut anstünde.
Pat Barrett von den Vail Resorts bedauert ernsthaft, dass er uns bei solchem Schneetreiben doch kein Barbecue am Berg zumuten könne: Grundsätzlich finden sich in Vail oder in Beaver Creek ja mehrere Stellen, an denen man gratis seine selbst mitgebrachten Steaks und Würstel grillen und open air verspeisen kann. Urig.
Schneeschüssel. Wir befinden uns spürbar auf 3400 Metern, freuen uns aber, dass es wie aus Kübeln schneit. Denn das ist Füllmaterial für die berühmten „Bowls“ auf der Hinterseite der Vail Mountains – sehr trockener und daher sehr leichter Schnee. Da wollen wir hin, zu den Hängen, Kuppen und Gräben, die so kuriose Namen tragen wie „Rasputins Revenge“, „Outer Mongolia Bowl“ oder „Cow’s Face“. Tore, massiv und offiziell wie der Eingang zur Ponderosa-Ranch sagen dort zum Freerider quasi „nur hereinspaziert“, nicht ohne ihn davor zu warnen, worauf er sich einlässt: Schwarze Rauten bedeuten richtig steiles Gelände, Blau steht für mittlere Herausforderungen, Grün für die sogenannte „gmahte Wiesn“.
Weit verzweigt sich dieses fantastische System aus tiefweißen, kaum bewaldeten „Ridges“, „Gullies“ und „Catwalks“, in denen der Schnee meist so einfach zu bändigen ist, dass auch der weniger versierte Powderpilot nichts zu fluchen hat. Der offene, aber überwachte Tiefschneeraum der „Back Bowls“ und des „Blue Sky Basin“ ist größer als die mit Liften und Pisten erschlossene Vorderseite des größten aller US-Skireviere. In diesem Fliegengewichtstiefschnee darf man skifahrend alles, was nicht explizit verboten ist. Und für diese Freiheit nimmt man jede noch so lange Anreise gern in Kauf (einmal abgesehen davon, dass es auch recht günstig ist).
Nur wenn einer die Absperrungen und Schilder mit Totenkopf ignoriert, dann verstehen Skiguides und -patrols keinen Spaß. Verständlicherweise: In den Rockys haut es regelmäßig so viel Schnee herunter, dass die Lawinensituation manchmal brenzlig wird.
Schilderwald. Skifahren in den USA setzt Tugenden voraus, die auf heimischen Bergen selten zum Einsatz kommen. Das oberste Gebot beim Liftanstellen lautet: Du sollst nicht drängeln, es gilt das Reißverschlussprinzip. Zerknirscht reden wir uns auf österreichische Praxis aus und werden grinsend vorgelassen. Könnten wir die Pistenregeln nicht aus dem FF (nein, nicht wirklich), werden sie uns von großen Tafeln in Erinnerung gerufen: „Know the code!“ Die Kleenex-Boxen bei der Einschleifspur am Lift sind immerhin selbsterklärend: Putz dir die Nase, wirf das Kleenex in den unten stehenden Kübel. Denkt man diesen Codex weiter, fehlt hier allerdings
etwas: der auf den Ski-Lodge-Toiletten übliche Desinfektionsmittelspender. Was für einen Stellenwert der Mitteleuropäer als Skipionier hat, kann man auf einem Plakat aber ebendort lesen: „Start the day as a Bob, Bill or Walter, end it as Hans, Franz or Werner.“
Immer wieder leiten uns Schilder: „Nur für Experten“, oder „Extremes Terrain“ oder „Das Nichtbeachten von Absperrungen zieht Geldstrafen nach sich“. Wie die Retrosessellifte zu dem Sicherheits- und Komfort konzept passen – wo bleibt die Fußabstellleiste? –, ist uns dann doch ein Rätsel. Vielleicht kann das die Erklärung sein: Skifahren in den USA ist kein Breiten-, sondern mehr ein Privilegierten-, wenn nicht ein absoluter Neigungssport. Andererseits mutet all das charmant an: Der Berg ist hier noch nicht so sehr Industrie. Zudem sind Orte wie Vail oder Beaver Creek relativ jung – österreichisch mitbegründet, helvetisch im Stil – mit fußbodenbeheizten Gehwegen, öffentlichen Feuerstellen und Immobilienpreisen à la Kitzbühel.
Baumslalom. Steht der Skifahrer im US-amerikanischen Wald, mutieren Bäume zu Riesenslalomtoren. In Beaver Creek, Vail, Keystone oder Breckenridge in Colorado mischen sich zwischen die Nadelbäume Nester von Espen, weil sie alle aus einer gemeinsamen Wurzel wachsen. In fernen Heavenly am Lake Tahoe, dem fünften Ableger der Vail Resorts, hingegen sind die Slalomstangen der Geländefahrer oft ganz großartige, knorrige, rotrindige Methusalems. Ganze Nadelwälder erstarren unter dem Schnee zu einem bizarren Skulpturenpark. Drunten liegt ein riesiger See, so tief wie blau, dass man’s zuerst nicht fassen kann. Wechselte nicht gerade alle fünf Minuten das Wetter in diesem traumhaften Abschnitt der Sierra Nevada, man hätte den Lake Tahoe fast immer vor Augen, egal, ob man sich auf der Nevada- oder der Kalifornien-Seite des Skigebietes bewegt. Lässt man den Blick weiterschweifen, sieht man vor allem: wüstenartiges Gebiet.
Den archaischen Eindruck dieser Landschaft verstärken die markanten Blocksteinhaufen, die das Gelände stark kupieren. Dadurch bilden sich viele Senken und Mulden, kleine Canyons und Waldstücke, in denen das Gelände alle paar Meter variieren kann. Es lohnt sich deswegen umso mehr, den Anweisungen der Skiguides zu folgen, ohne die der Baumslalom – „Treeskiing“ – nur halb so lus-tig wäre. Denn man braucht Tage, um sich in dem Gelände von Heavenly, dem immerhin zweitgrößten Skigebiet der USA, zu orientieren. Erst vor Kurzem entdeckte James Kayser, Chef der Skischule, jene Höhle, in der wir drei junge Biertrinker überraschen. Dabei kennt der emigrierte Brite die Berge und Wälder am Lake Tahoe wie seine
Westentasche.
James justiert uns: „Ganz links halten, da ist es weniger steil.“ Lautes Gezeter hören wir von rechts aus dem „Mott Canyon“ herauf, der gleich nach der Einfahrt so eng, abschüssig und knödelig verspurt wird, dass man sich überlegt, den Rest mit Spitzkehren zu bewältigen. Die doppelten schwarzen Karos auf dem Tor wären eine Warnung gewesen.
Doch letztlich ist jede noch so widerborstige Freeridestrecke ein Sieg. Völlig unvorbereitet landen wir hingegen auf einer ewig langen Buckelpiste, US-Guides gehen offensichtlich davon aus, dass Älpler „Moguls“ mögen. Irrtum, nicht alle sind auf Pisten konditioniert, die sich wie ein hochkant aufgestelltes Blech voller Profiteroles anlassen. Wir wollen wieder in den lichten, federleicht befüllten Wald von Heavenly zurück.
Es gibt natürlich auch andere, ganz und gar skiferne Gründe, warum viele den Weg hierher nach South Lake Tahoe antreten: Anders als auf der geruhsamen Kalifornien-Seite darf in Nevada Tag und Nacht gespielt werden. So endet der Tag nach einer kurzen Aprés-Ski-Einlage unweigerlich in einem der Casinohochhäuser bei dem Versuch, sein Budget zu verdoppeln. Um noch eine Woche US-Skifahren dranzuhängen.
Vail Resorts: Der Skiverbund umfasst fünf Orte: Vail (Lindsey-Vonn-Heimat, größtes US-Skigebiet), Beaver Creek (fancy), Breckenridge (alter Goldgräberort) und Keystone (Kat Ski!) liegen in Colorado recht nah beinander. Heavenly liegt am Lake Tahoe an der Grenze von Kalifornien und Nevada (Casinos!), www.snowusa.com