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Wie die US-Sanktionen einen russischen Riesenkonzern (fast) zu Fall brachten

Ein Lastwagen bei einer von Rusal betriebenen Mine in der Region von Krasnojarsk
Ein Lastwagen bei einer von Rusal betriebenen Mine in der Region von KrasnojarskREUTERS
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Seit Rusal mit seinen 57.000 Mitarbeitern vor einem Monat auf der US-Sanktionsliste gelandet ist, ist der Export um 70 Prozent eingebrochen. Anlässlich der neuen Iran-Sanktionen ein Lehrbeispiel, wie Sanktionen entstehen und wohin sie führen können.

Es ist wie eine Ironie der Geschichte: Aber wären die US-Sanktionen gegen Rusal und seinen Hauptaktionär, Oleg Deripaska, nicht verhängt worden, die wahre Bedeutung des russischen Konzerns für den Markt wäre bis heute der Öffentlichkeit unbekannt geblieben. Für den Markt und für den Konzern wäre es so natürlich besser gewesen. Die harten Sanktionen vom 6. April dieses Jahres nämlich hatten nicht nur die Marktkapitalisierung des Unternehmens um zwischenzeitlich nahezu 60 Prozent verringert, sie haben auch den Aluminiumpreis um knapp 30 Prozent auf das Sechsjahreshoch von 2500 Dollar je Tonne hochschnellen lassen.

Hat sich bei diesen Kennziffern die Situation inzwischen immerhin ein wenig entspannt (Aluminium kostet jetzt 2280 Dollar), weil Deripaska Bereitschaft zur Änderung der Besitzverhältnisse signalisiert und die USA Milde angedeutet haben, so ist und bleibt die Situation im Konzern doch eine Katastrophe. Wie nämlich aus den Daten der Russischen Eisenbahn hervorgeht, aus denen die Agentur „Interfax“ zitiert, hat Rusal im Monat April um ganze 68 Prozent weniger exportiert als im Vergleichsmonat 2017. Anlässlich der neuen US-Sanktionen gegen den Iran ein Lehrbeispiel dafür, wie Handelsrestriktionen entstehen und wohin sie führen können. „Wir haben es nicht einfach“, hatte Rusal schon am 9. April auf seiner Facebook-Seite geschrieben, ehe der Eintrag kurz später entfernt worden ist.

42 Prozent gehen nach Europa

Das war gelinde formuliert. Schließlich ist der Export für das Unternehmen überlebenswichtig. Gar nicht so sehr das USA-Geschäft, das 14,4 Prozent zum Umsatz beiträgt. Aber weil die US-Sanktionen eben auch auf Nicht-US-Bürger ausgeweitet werden können, steht das gesamte Auslandsneugeschäft des Rusal-Konzerns, der als weltweit zweitgrößtes Branchenunternehmen sechs Prozent des globalen Primäraluminiums produziert, infrage. Allein Europa bezog im Vorjahr ganze 42 Prozent seiner Aluminium-Importe vom Rusal-Konzern.

Das alles steht plötzlich still, weil die USA es so verfügt haben. Wie ernst sie es meinen, lässt sich an der Reaktion von Ivan Glasenberg, dem Chef des Schweizer Rohstoffhändlers Glencore, ablesen: Der Mann, der durch seine jahrzehntelange Tätigkeit in vielen heiklen Rohstoffländern sanktionserfahren ist, zog sich Anfang April umgehend aus dem Aufsichtsrat von Rusal zurück und legte einen Aktientausch im Zusammenhang mit Rusal auf Eis. Glencore hält 8,75 Prozent am Aluminiumkonzern.

Sollte das gesamte Exportgeschäft ausbleiben, bliebe Rusal auf einem beträchtlichen Teil seiner Erzeugnisse sitzen. Denn innerhalb Russlands und in den angrenzenden GUS-Staaten setzt der russische Regionalmonopolist gerade mal 18 Prozent seiner Produktion ab. Im Extremfall müsste eines der beiden Großwerke im Land geschlossen werden. Gefährdet ist auch ein Rusal-Werk in Irland, von dem ein Drittel des in Europa benötigten Primäraluminiums stammt.

Ausstehende Lohnzahlungen machen Druck

Allmählich wird es finanziell eng, schließlich sind die Löhne für 57.000 Mitarbeiter zu zahlen. Aber selbst eine staatliche Finanzspritze wäre sinnlos, wenn die Sanktionen nicht fielen.

Beigesprungen ist der Staat dem Unternehmen übrigens schon vor zehn Jahren, nachdem Deripaska den Großteil des Rusal-Gewinns als Dividende ausgeschüttet und sich mit seiner notorischen Expansionsstrategie auf Pump übernommen hatte. Unter anderem hatte er mit Rusal die Sperrminorität am weltweit größten Nickelproduzenten Norilsk Nickel übernommen. Die Vneschekonombank, das staatliche Finanzvehikel, refinanzierte Rusal 2008 einen Kredit von 4,5 Mrd. Dollar bei ausländischen Banken. Kurz später, Anfang 2010, half sie abermals mit, um Rusals Börsengang in Hongkong zu einem Erfolg werden zu lassen: Der Konzern platzierte elf Prozent der Aktien und spielte dafür 2,24 Mrd. Dollar ein, mit denen er allmählich die Schulden bediente.

Heute sitzt das Unternehmen abermals auf hohen Nettoschulden: Zum Ende 2017 waren es 7,6 Mrd. Dollar. Immerhin legte das Geschäft wieder zu. Der Umsatz betrug im Vorjahr 9,97 Mrd. Dollar – ein Plus von 24,9 Prozent gegenüber 2016. Der Nettoertrag stieg um 16 Prozent auf 1,6 Mrd. Dollar. Und trotz der um 47 Prozent gestiegenen Investitionsausgaben konnte das Unternehmen den freien Cashflow um 105 Prozent auf 1,201 Mrd. Dollar erhöhen. Auch im Auftaktquartal 2018 konnte das Unternehmen satte Umsatz- und Gewinnzuwächse verzeichnen - bis im April plötzlich alles implodierte. Ab sofort sei jegliche Prognose unzuverlässig, warnt der Konzern seine Investoren.

Geheime Gespräche

Um das Unternehmen jetzt zu retten, wird hinter den Kulissen offenbar fieberhaft mit den USA verhandelt. Die USA haben die Deadline verlängert, bis zu denen der Rest der Welt Rusal-Aluminium, das vor Sanktionsverhängung bestellt worden ist, handeln darf. Und sie haben auch die Frist, bis zu der Deripaska die Kontrolle am Unternehmen abgeben muss, um einen Monat bis 6. Juni ausgeweitet. Es müssen also vorerst keine Werke geschlossen werden, aber Rusals Zugang zum Dollar-Finanzsystem und viele Gelder bei Banken bleiben blockiert. Geschäftspartner halten Abstand.

Derweil wird in Russland selbst intensiv darüber nachgedacht, welches Schema gefunden werden könnte, um den Konzern aus der Schusslinie der USA zu bringen. Alles wird davon abhängen, wie Deripaska die Kontrolle über das Unternehmen neu regelt. Nachdem sie der Staat nicht übernehmen will, sind Privatunternehmer gefragt, von denen aber alle die unkalkulierbare US-Sanktionsstrategie fürchten. Ein Teil des Problems besteht darin, dass auch Viktor Vekselberg, der selbst völlig überraschend auf der US-Sanktionsliste gelandet war, über die Firma Sual Partners 22,5 Prozent an Rusal hält – gemeinsam mit Deripaska sind das also über 70 Prozent der Anteile.

Dem 50-jährigen Deripaska, einem der härtesten und gewieftesten Tycoons des postkommunistischen Russland, ist ein kluger Schachzug zuzutrauen. Er hat schon im Dezember 2017 geahnt, dass ihn die Amerikaner ins Visier nehmen könnten, weshalb er in den vergangenen Monaten juristisch Vorkehrungen traf und das Präsidentenamt im Konzern aufgab. Geholfen hat das allerdings nichts. Um nun die Löhne für seine Mitarbeiter zu zahlen, könnte er – so eine Theorie unter Analysten – die Sperrminorität an Norilsk Nickel verkaufen.