Eishockey: Die Leiden des Viktor Tichonow

(c) Reuters (Julie Jacobson)
  • Drucken

Russlands Sbornaja erhielt von den entfesselt spielenden Kanadiern eine Lehrstunde und verlor mit 7:3. Für die Russen war es die schlimmste Demütigung seit dem 3:4 gegen die USA vor genau 20 Jahren.

Vancouver. Höflich nimmt der alte Mann seine Mütze ab, wenn er mit jemanden spricht. Er versteht kein Englisch, nur Russisch. Sein Begleiter dolmetscht unbeholfen. Wie geht das Spiel aus? Milde lächelt er und meint mit leiser Stimme: „Ich fürchte Schlimmes.“

Nein, „schlimm“ ist noch ein Hilfsausdruck. Was Kanadas Eishockey-Mannschaft im olympischen Viertelfinale mit der Sbornaja, dem russischen Team, anstellte, war nicht nur schlimm: Es war eine Demütigung.

Eine knappe halbe Stunde spielten Sidney Crosby und Co. mit dem vermeintlich härtesten Widersacher auf dem Weg zur Goldmedaille Katz' und Maus. Es war ein Furioso auf dem Eis, was das Team von Coach Mike Babcock ablieferte. Eistanzen mit Puck.

Die Russen wirkten im ersten Drittel unbeholfen in Anbetracht der physischen Stärke des Gegners. „Wir wollten von Anfang an unser körperbetontes Spiel aufziehen“, sagte Corey Perry. Der rechte Flügel der Anaheim Ducks schoss zwei Tore beim überlegenen 7:3- Sieg. Nach 13 Minuten stand es 3:0 für Kanada. Wie ein Wirbelsturm brausten die Ahornblätter über das Team rund um Alexander Owetschkin hinweg. Und die 18.000 Fans in der Hockey-Arena feierten die wildeste Party, die Olympia bisher erlebte.

Shea Weber, der Mann aus British Columbia, hatte seinen Spaß dabei. Der 24-jährige Verteidiger der Nashville Predators spielte meist auf Superstar Owetschkin und ließ diesem kaum Luft zum Atmen. „Alexander der Große“ brachte es im ganzen Spiel auf gerade einmal drei Torschüsse.

Und der alte Mann mit den sanften Blick? Es ist Viktor Tichonow, die russische Trainerlegende. Dem 79-Jährigen war nicht entgangen, dass im russischen Team der Wurm drinnen ist. Schon beim Spiel gegen die Slowakei wurden die Mängel sichtbar. Da vertraute man in der Offensive mehr auf die Genieblitze herausragender Einzelspieler als auf Kombinationsspiel. Diesen Schlendrian hätte Viktor Tichonow nie geduldet.

Anfängerfehler des Torwarts

Nach vier Minuten im zweiten Drittel hatte der russische Coach Wjatscheslaw Bykow genug von Evgeni Nabokow: Er muss Ilja Brysgalow. dem 29-jährigen Goalie der Phoenix Coyotes, Platz machen. Es steht 6:1. Die Partie ist entschieden. Nabokow hatte einen harmlosen Schuss von Dan Boyle zum 2:0 durchgelassen. Beim 3:0, einer Weltklassekombination von Rick Nash und Jonathan Toews, ging er zu früh zu Boden. Und beim 4:1 ließ er sich von Brenden Morrow wie einen Anfänger austricksen. Morrow hatte den Puck hinter dem Tor erobert und dann am Goalie vorbeigeschlenzt.

Überhaupt war der Raum hinter dem russischen Tor fest in kanadischer Hand. Hier konnten sie nach Belieben schalten und walten. Es war ein Schlüssel zum Erfolg. „Gretzkys Büro“ nennen die Kanadier den Platz hinter dem Tor, weil die Eishockey-Legende von dort aus einst seine tödlichen Pässe gab.Und die russische Hockey-Legende? Drei olympische Turniere und acht Weltmeisterschaften gewann der Oberst der Roten Armee Viktor Tichonow. Seine Methoden waren gefürchtet, manche meinen, sie seien menschenverachtend gewesen. Das Ergebnis war das schönste Eishockey, das die Welt je sah.

Nach 24 Minuten war nicht nur für Evgeni Nabokow die Show zu Ende. Ab diesem Zeitpunkt beschränkte sich Kanada darauf, das Spiel zu kontrollieren. Diese fast schon an Überheblichkeit grenzende Abgebrühtheit der Kanadier machte die Russen fassungslos. Reihenweise packten russische Journalisten auf der Pressetribüne ihre Sachen zusammen und zogen ab. Auch auf dem Eis war die Fassungslosigkeit der Russen spürbar.

Schmerzliche Erinnerungen

So wie damals am 22. Februar 1980. Fast auf den Tag genau vor 30 Jahren verspürte Viktor Tichonow diese Ohnmacht im Spiel, das die Amerikaner „Miracle on Ice“ nennen. Bei den Winterspielen in Lake Placid schlugen ein paar College-Boys das große sowjetische Team mit 4:3. Diese Silbermedaille war Tichonows größte Niederlage.

„Ich muss mich bei den Fans entschuldigen“, sagte Russlands Coach Bykow. „Wir spielten heute gegen ein Team, gegen dessen Druck wir keine Mittel hatten.“ Russland fährt ohne Medaille nach Hause. Die letzte Goldmedaille gewann die Sbornaja 1992 in Albertville. Unter Trainer Viktor Tichonow. Bei der Siegerehrung erhielt auch er damals eine Goldmedaille – als einziger Trainer in der Olympiageschichte. Jetzt steigt Tichonow in die U-Bahn ein. Die Wollmütze ins Gesicht gezogen inmitten der russischen und kanadischen Fans. Keiner achtet auf ihn.

AUF EINEN BLICK

Viktor Tichonow (im Bild mit „Presse“-Sportchef Gerhard Hofer) gewann mit Russland zwischen 1976 und 1992 dreimal Olympiagold, acht WM- und zehn EM-Titel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2010)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.