In Wien Ottakring dreht das Kollektiv irreality.tv eine Serie, bei der jeder mitmachen kann, der will. Es geht um eine Welt, in der Schlaf tabu ist.
Im Sandleitenhof ist Schlafen tabu – jedenfalls in der Welt, die das Projekt „Nachtwache“ dort erschafft: eine Welt, in der auch die Nacht optimiert wird. Diese Geschichte wird vom Kollektiv irreality.tv im Mai und Juni in eine Serie verwandelt – und zwar unter Mitwirkung aller, die mitmachen wollen. Was sich in dieser schlaflosen Welt abspielt, ist noch nicht fix: Ein genaues Drehbuch gibt es nämlich nicht. Inhalt und Wendungen der Serie werden erst nach und nach entwickelt.
Die Idee basiert auf einem Essay des US-amerikanischen Kunstprofessors Jonathan Crary („24/7: Late Capitalism and the Ends of Sleep“). „Darin geht es darum, dass der Schlaf als der letzte Zeitraum, der noch nicht der Verwertung zugeflossen war, jetzt auch verwertet wird“, sagt Lars Moritz von irreality.tv. Technologien zur Schlafoptimierung, das Diktat des 24/7: „Am besten wäre, wir würden 24 Stunden am Tag arbeiten oder shoppen.“
Nun also diese Welt im Sandleitenhof in Wien Ottakring, in der kaum mehr geschlafen wird, in der Schlafen verboten oder zumindest sehr ungern gesehen ist. „Dagegen regt sich Widerstand“, sagt Moritz. Die Widerstandsorganisation „Nachtwache“ – von daher auch der Titel der Serie – will die Nacht, den Schlaf und die Träume beschützen. Einer ihrer Sympathisanten – Herr Sandmann, der einzige fix gecastete Schauspieler – betreibt in seinem Café ein geheimes Hinterzimmer, in dem geschlafen werden darf. Und das im Rahmen des Festivals Soho in Ottakring ab 2. Juni tatsächlich für Besucher wird geöffnet haben, inklusive verschiedener Aktionen – wenn auch nicht 24/7. „Das wäre natürlich konsequent gewesen, ist aber an logistische Grenzen gestoßen“, sagt Moritz.
„Die Leute haben große Lust“
Es ist nicht die erste Mitmachserie, die das Kollektiv gestaltet. Die vier Künstler – neben Lars Moritz sind das Daniel Ladnar, Esther Pilkington und Jörg Thums, alle aus dem Performancebereich – haben sich vor zwei Jahren, inspiriert von Richard Wagners „Ring“, im Wiener Nibelungenviertel ausgetobt und im Jahr davor in Ebensee eine Geisterserie inszeniert, beides kann man online ansehen. Auch in Hamburg gab es schon eine solche Serie.
„Wir haben vor fünf Jahren begonnen, partizipative Webserien zu drehen, weil die Serie ein Format ist, mit dem jeder etwas anfangen kann“, sagt Moritz. „Da kann man relativ gut mit den Menschen gemeinsam Geschichten entwickeln – und die Leute haben große Lust darauf.“
Wie das konkret abläuft? Es gibt diverse Mitmachmöglichkeiten. Einerseits Gruppenszenen – bereits gedreht wurde ein Rundgang der Widerstandsorganisation, im Juni werden Szenen im Café anstehen. Außerdem können Personen im Produktionsbüro vorbeischauen und ihre Ideen einbringen. „Die Leute kommen zu uns und sagen, was sie interessiert – basierend auf ihren eigenen Wünschen, Vorstellungen und Fantasien“, sagt Moritz. Gemeinsam wird dann überlegt, wie man das in die Serie einbauen kann.
„Wir nennen das Soapifizierung“, sagt Moritz. Zum Beispiel: Jemand will schon lang in einer Hängematte unter freiem Himmel übernachten. „Wir suchen einen Ort, bauen die Hängematte auf, er übernachtet da. In Wirklichkeit würde er das nicht machen.“ Bei einer früheren Serie kam jemand, dessen Lebenstraum eine Pferdefarm in Arizona war. „Wir haben ihm dann eine Reitstunde und einen Ritt in den Sonnenuntergang organisiert.“
Man habe bisher übrigens immer etwas gefunden, mit dem alle zufrieden waren, sagt Moritz. Auch, wenn das bedeutet, scheinbar Unmögliches von heute auf morgen möglich zu machen. „Ja, das ist wahnsinnig anstrengend. Aber das ist auch der Reiz.“
AUF EINEN BLICK
„Nachtwache“ ist eine partizipative Serie, die im Mai und Juni in Wien gedreht wird, ein Projekt von irreality.tv, Brut Wien, Soho in Ottakring und Kunstverein Extra. Der Plot kommt auf die Mitwirkenden an. Ideen einbringen kann man noch heute, Samstag, von 17.00 bis 19.00 Uhr (Altes Kino Sandleiten, Liebknechtgasse 32, 1160 Wien). Oder per E-Mail: info@irreality.tv. Das Schlafcafé öffnet im Rahmen von Soho in Ottakring am 2. Juni. Infos: irreality.tv, sohoinottakring.at.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2018)