Eine Woche nach der Eröffnung ist noch immer kein Ende der Aufregung um die „Sexession“ abzusehen – immerhin die originellste Wortschöpfung aus dem trüben Wassersturmglas.
Wiens Konservativen wird „heiß unterm Kragen“ bei Christoph Büchels Intervention, schreibt die amerikanische „Art Newspaper“ süffisant. Zu Recht: Egal, wo hier Sex im öffentlichen Raum auftaucht, er wird tabuisiert. Von den Folgen dieser Prüderie sprechen immer mehr Mütter im Kindsalter sowie die Abtreibungszahlen, die Dunkelziffern zufolge zu den höchsten in Westeuropa gehören. Gratulation.
Das passiert, wenn beidseitig lustbetonter Sex aus dem Alltag verdrängt wird, ins Spätabendprogramm des Fernsehens, während am Nachmittag Fantasiewelten voll Gewalt bzw. in der Werbung dazwischen ein machistisches bzw. konservatives Geschlechterbild herrschen dürfen. Sexuelle Freiheit dagegen, wie sie in einem Swingerclub möglich ist, wird perfide angeprangert. Fast ein Hohn, dass gerade dieses Wochenende in der Messe Wien der erste Sexualkongress stattfindet („Du + Ich“, 26.–28.2., 10–18h). Wärmste Empfehlung.
Zugunsten dieses moralischen Gegeifers (diese Kolumne nicht ausgenommen) schwindet der Platz für Inhaltliches: War es rechtens von Büchel, den Secessions-Spruch „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“ als eine Art Titel seiner Intervention in „Der Kunst ihre Kunst, der Zeit ihre Freiheit“ zu ändern? Ist Kunst heute tatsächlich so hermetisch? Ich denke nicht. Ist der Bezug zum historischen Skandal um Klimts gemalte Schamhaare im Beethoven-Fries tatsächlich vergleichbar und mit sexueller Freiheit in Verbindung zu bringen? Über Klimts freudianisches Frauenbild sollte man geteilter Meinung sein.
Eines jedoch wird durch die originalgetreue Swingerclub-Installation samt ihrer „erotischen Malerei“ und ihren antikischen Skulptürchen klarer als in jedem Souvenirladen: Selbst Klimts provokanteste Kunst ist in unseren Sehgewohnheiten heute banaler Kitsch. Das ist die brutalste Wahrheit dieser strengen Kammer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2010)