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Ausstellung in Rom: Caravaggio, dunkel und pur

Ausstellung Caravaggio dunkel
(c) Galleria Palatina–Palazzo Pitti
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400 Jahre nach seinem Tod kehrt Caravaggio triumphal in die Stadt zurück, die ihn verbannt hat. Mit einer Ausstellung in der Scuderie del Quirinale.

Es ging um die Ehre eines Freundes, um Spielschulden, den Ausgang eines Tennisspiels, die Gerüchteküche brodelte. Nach dem Verhaltenskodex des römischen Adels musste jedenfalls Blut fließen. So starb am 28.Mai 1606 Ranuccio Tomassoni durch einen Schwertschlag Michelangelo Merisis, der für seinen Freund Onorio Longhi in die Straßenschlacht zog. Vier gegen vier, wie es in römischen Straßen durchaus alltäglich war. Und wie es längst in Vergessenheit geraten wäre, hätte es sich bei Merisi nicht um den Maler aus dem Dorf Caravaggio bei Bergamo gehandelt. Er floh nach Neapel. Und hoffte bis zuletzt auf eine Rückkehr nach Rom, auf eine päpstliche Begnadigung, auf die der 39-Jährige im toskanischen Porto Ercole bereits wartete, als ihn der Tod ereilte.

400Jahre später kehrt Caravaggio tatsächlich wieder in die ewige Stadt zurück, die er durch Altarbilder wie die Loreto-Madonna in Sant'Agostini oder die Bekehrung Pauli in Santa Maria del Popolo künstlerisch sowieso nie verlassen hat. Mit einer prächtigen Ausstellung im früheren Quirinal-Marstall gegenüber dem Präsidentenpalast wird diese umstrittene Künstlerfigur jetzt aber ausdrücklich gefeiert. Als der Star, der er zu Lebzeiten schon war – die Begriffe erinnern an nur knapp vergangene Kunstboomzeiten, in denen man so böse nach Namen kaufte: Man urteilte über seine Werke mit den Ohren, nicht mit den Augen, ätzte Caravaggios Rivale Giovanni Baglione.

1642 verfasste dieser die erste gedruckte Caravaggio-Biografie, die das negative Bild des Malers im 17. und 18.Jahrhundert prägte. Ein Nichtskönner, Weiberheld, Krimineller sei dieses Landei gewesen, ein „Monster an Begabung und Natürlichkeit“. Klischees, die später ins positiv besetzte Spektakuläre, Homoerotische getragen wurden und in Derek Jarmans Film „Caravaggio“ kulminierten. Zwei herausragende monumentale Publikationen in diesem Jubiläumsjahr – von Sybille Ebert-Schifferer und dem in Wien lehrenden Sebastian Schütze (die „Presse am Sonntag“ berichtete) – haben zu einer Ernüchterung dieses Bildes beigetragen. Die Ausstellung in Rom führt diese fort.

Nicht unbedingt in der Inszenierung, die ist so geheimnisvoll duster, dass das „Chiaroscuro“, Caravaggios typische Hell-Dunkel-Malerei, spektakulär zur Geltung kommt. (Weniger dagegen die in Hellgrau gehaltenen englischen Saaltexte.) In der Auswahl der Bilder aber setzte man auf höchste Qualität und Purismus – man beschränkte sich allein auf gesicherte Werke des Vielkopierten, keine Zuschreibungen, keine Vergleichsbeispiele, kein Klimbim.

Nur 24Gemälde reihen sich auf Geschoßen aneinander, mit Wandfarben klar in drei Phasen getrennt, mit großzügig Luft voneinander ausgestattet und teils grandios miteinander konfrontiert – Schlaf und Tod etwa, der schlafende Amor aus dem Palazzo Pitti, eine Anspielung Caravaggios auf seinen historischen Konkurrenten Michelangelo Buonarotti, der als junger ebenfalls einen schlafenden Amor schuf. Und David mit Goliaths abgeschlagenem Haupt aus der Galleria Borghese in Rom, ein Bild, das Caravaggio seine Rom-Rückkehr ebnen sollte. Caravaggio zeigte sich hier selbst als besiegter Hochmütiger und schickte es Scipione Borghese, der sich bei seinem Onkel Papst Paul V. für ihn einsetzen sollte. Schlau.

Ein gutes Beispiel für Caravaggios anspielungsreichen zeitgeistigen Stil ist ein anderer Amor, sein triumphierender. „Amor vincit omnia“ von 1602 zeigt offenherzig seinen nackten Körper, mit fast trunkenem Grinsen. Erst der Name des Besitzers erklärt die seltsame Geste, bei der der linke Arm zum blanken Hinterteil geführt ist. Vincenzo Giustiniani war der Hausbankier der Familie von Papst Klemens VIII., die wenig beliebt und unrettbar verschuldet war. Im Wappen trug sie einen Sternenglobus, ähnlich dem, der unter dem Gesäß Amors aufblitzt. Mit Blattgold besetzt, noch strahlt es... ein durchaus derber Witz, typisch römischer Adel. Genau wie der von Caravaggio modisch gepflegte Shabby Chic übrigens.

Der Amor flatterte aus der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin an. Aus dem Wiener KHM ist die Dornenkrönung angereist, die für ihren Erhaltungszustand gelobt wird, aus Texas die Falschspieler, aus dem Metropolitan die Musiker, die 1595 wohl schon im Haushalt von Caravaggios erstem Mäzen, dem instrumentesammelnden Kardinal Francesco Del Monte, entstanden. Nur gut 60Werke werden heute zweifelsfrei Caravaggio zugeschrieben. Zählt man zu denen der Ausstellung noch die in Kirchen und Palästen, sind 39 davon in Rom zu sehen. Das ist wohl eine Reise wert.

ZUR AUSSTELLUNG

50.000 Tickets wurden bereits vor Ausstellungseröffnung vorigen Freitag für Caravaggio in Rom verkauft. Es heißt also vorreservieren. Die Ausstellung umfasst 24gesicherte Werke Michelangelo Merisis (1571 in Mailand geboren, seine Eltern stammten aus Caravaggio, gestorben 1610 in Porto Ercole).

Ausstellungsort ist die Scuderie del Quirinale, Laufzeit bis 13.Juni. Katalog auf Italienisch erhältlich. www.scuderiequirinale.it

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2010)