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Notizen aus Cannes

Eisige Einsamkeit im vollen Kinosaal

Mads Mikkelsen als wettergegerbter Polarforscher in "Arctic".Stefano Baroni

Wenn der Festivaltrubel zu viel wird, wünscht man sich manchmal an einen menschenleeren Ort. Weil es so etwas in Cannes aber nicht gibt, sucht man sich einen menschenleeren Film. "Arctic" von Joe Penna, zum Beispiel.

Zu Beginn der Filmfestspiele von Cannes schnappte man hier und da die Bemerkung auf, die Zuschauerreihen in den Festivalkinos seien heuer erstaunlich licht. Manche führten das auf den Mangel an "Star Power" an der Croisette zurück, also die relative Abwesenheit US-amerikanischer Promis. Wie dem auch sei: Mittlerweile ist hier wieder alles (halbwegs) proppenvoll: Die Kinosäle, die Straßen, die Presseräume, die Bars und die Restaurants.

Das steigert die Festivalstimmung, aber auch den Stresslevel. Dann wünscht man sich manchmal an einen menschenleeren Ort. Weil es hier sowas aber nicht gibt, sucht man sich einen menschenleeren Film. Etwa "Arctic" von Joe Penna, der hier in der Mitternachtsschiene Premiere hatte. Darin spielt Mads Mikkelsen einen Polarforscher, der mit seinem Flugzeug in der Arktis gestrandet ist. Gleich am Anfang naht Rettung in Form eines Hubschraubers - doch ein Schneesturm bringt diesen kurz vor der Landung zum Absturz. Jetzt muss der unterkühlte Robinson Crusoe nicht nur sich, sondern auch eine schwerverletzte Pilotin retten. Dank Sprachbarriere bleibt der Film über weite Strecken wortkarg - passend zur Atmosphäre eisiger Einsamkeit.

Sogar ein Eisbär greift an

Standhaft spielt sich Mikkelsen im Modus des wettergegerbten nordischen Schmerzensmannes vor eindrucksvollen Naturkulissen durch diverse Szenarien von Hoffnung und Verzweiflung, Gefahr und ihrer Vereitelung. Einmal greift sogar ein Eisbär an. Leider besteht der Film trotz einer Handvoll markanter Details fast nur aus Versatzstücken diverser Klischees des altgedienten Survival-Drama-Genres - auch "Castaway" lässt grüßen. Zudem überschreitet er mehr als einmal die Pathos-Schmerzgrenze, nicht nur auf seinem ständig auf- und abschwellenden Soundtrack. Da schaut der Festivaltrubel dann plötzlich wieder ganz einladend aus.