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Musikverein: Rücksichtsloser ist nie komponiert worden

Musikverein Ruecksichtsloser komponiert worden
(c) APA (GEORG HOCHMUTH)
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Prêtre und die Wiener Symphoniker spielten Mahler – so spontan, wie man ihn spielen muss.

„Plötzlich viel schneller“, schreibt Gustav Mahler in die Partitur – ein jäher Einschub greller Blasmusikklänge in einen Trauermarsch; als würde eine würdige Prozession unflätig gestört. Solche Montage-Effekte führt der Komponist in die hehre Welt der Symphonie ein und macht sie damit zum Träger sehr subjektiver Ausdrucksbotschaften. Wenn Georges Prêtre am Pult der Wiener Symphoniker steht, dann ist das „Plötzlich viel schneller“, jene Unabhängigkeit und Spontaneität, die Mahler damit meint, einen Abend lang Programm. Ebenmaß eines konsequent durchgehaltenen Tempos ist für Prêtre keine interpretatorische Tugend. Bei ihm muss jede Phrase leben, biegsam und geschmeidig von Ton zu Ton. So modelliert er ganze Sätze zu großen Melodien, aber auch sogenannte „Begleitfiguren“, die dann keine mehr sind, sondern wichtige Elemente im kontrapunktischen Spiel der Stimmen. Man muss nur jeden einzelnen Stein eines kompositorischen Mosaiks in seinem Eigenleben begreifen und in Beziehung setzen zu den umliegenden Elementen des Gesamtbilds.

 

Drahtseilakte unter Georges Prêtre

Das bis ins Extrem auszureizen, ist Prêtres Kunst. Seine Anweisungen auch dort noch mit spürbarer Lust in die Realität umzusetzen, wo der Widerstreit divergierender Kräfte zu gefährlichen Verstrickungen führt, das ist die Kunst der Symphoniker, unter der Leitung dieses Dirigenten immer wieder bereit, ohne Netz gefährlichste artistische Drahtseilakte zu wagen. Jedes Risiko wird eingegangen, um der Musik ihr Korsett zu nehmen, um sie fließen, in all ihrer Schönheit aufblühen zu lassen. Da ist dann manches „plötzlich viel schneller“, auch dort, wo es nicht in den Noten steht; weil es so sein muss, weil die Klänge danach streben, auch und gerade dort, wo das jeder Vernunft zu widersprechen scheint. Ein Werk wie die geniale Jugend-Symphonie des Teenagers Bizet versprüht dann Charme, Eloquenz – und darf sich zwischendurch in einer hinreißend unendlichen Adagio-Melodie verlieren.

Und Mahlers Erste, ohnehin ein pittoresk allen Formkriterien widerstrebendes Stück, breitet seelische Jubelstürme, aber auch bittere Erfahrungen und groteske Traumbilder in einer Buntheit und Vielfalt aus, die nach wie vor staunen machen: Rücksichtsloser, subjektivistischer ist nie komponiert worden. Die Symphoniker und Prêtre kosten den Auftrag zu anarchischem Musizieren voll und ganz aus. Das Publikum genießt diese Programmfolge, die Prêtre schon des Öfteren gewählt hat, immer aufs Neue; und jubelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2010)