Im Schutz der Familie, da lassen wir los, wenn uns alles zu viel ist, da drehen wir durch, wenn die Anspannung zu groß ist. Da sind wir nicht perfekt, nicht beherrscht. Zum Muttertag.
Das kennen alle Eltern, glaube ich, jedenfalls ich kann mich gut daran erinnern, obwohl es eine Zeit lang her ist: Da war man aus, im Kino oder im Restaurant, endlich wieder einmal ein Abend für zwei, kommt gut gelaunt nach Hause – aber kaum setzt man einen Fuß über die Schwelle, kriegt das eine Kind einen Anfall, weil das andere vor ihm an der Türe war, es fliegt ein Lego-Schaufelbagger, es spritzen Tränen, es zerbricht ein Lego-Schaufelbagger, es spritzen noch mehr Tränen, und während man sich gerade die Schuhe auszieht, muss man nicht nur zwei zerfließende Kinder beruhigen, sondern auch die fassungslose Babysitterin: „Keine Ahnung, was die plötzlich haben“, sagt sie: „Bis jetzt waren sie total brav!“
Klar waren sie brav. Das sind sie meistens. Bei anderen. Und wenn andere dabei sind, benehmen sich die Kinder auch heute noch höchst manierlich, sie erkundigen sich interessiert nach dem Onkel, erzählen angeregt von der Schule, decken ohne Aufforderung den Tisch, und man könnte gar nicht glauben, dass es sich bei der einen jungen Dame um die gleiche handelt, die sich gestern im Hochbett verkrochen hat, mit der Versicherung, da nie wieder herunterzukommen. Und dass die andere neulich erklärt hat, sie könne unmöglich das Geschirr in die Spülmaschine räumen: Viel zu müde. Viel, viel zu müde.
„Jetzt nicht!“ Und ich? Für mich gilt dasselbe. Außerhalb unserer vier Wände weiß zum Beispiel keiner, wie das ist: wenn ich die Fassung verliere. Keiner hat mich je brüllen gehört, außer die Kinder und mein Mann. In der Familie, da drehen wir durch, wenn die Anspannung zu groß ist, da lassen wir los, wenn alles zu viel ist. Da sind wir nicht perfekt, nicht immer beherrscht, nicht optimiert, da sind wir manchmal nicht stark, sondern schwach. Da laufe ich mit zerronnener Wimperntusche herum, weil ich wieder einmal das Abschminken vergessen habe, Marlene singt am Klavier hemmungslos laut liebeskummrige Lieder, jeder zweite Akkord falsch, weil sie ja noch übt, während man von Hannah plötzlich gar nichts mehr hört, weil erstens Kopfhörer, zweitens Kopfhörer, drittens „Jetzt nicht“. Und mein Mann trägt gerade ein Leiberl mit einem Bärchen drauf.
Allesamt sind wir manchmal unleidlich oder störrisch oder verzweifelt oder schlapp, allesamt wollen wir manchmal unsere Ruhe. Oder einfach einen, der uns aushält. Weil wir es können. Weil wir uns kennen. Weil wir wissen, dass wir uns lieben, trotzdem und immer. Weil Hannah nun einmal Hannah ist und Marlene Marlene und Stephan ist Stephan und ich bin ich, und wir sind zusammen, und das reicht.
Das feiern wir am Muttertag.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2018)