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Der digitale Gebäudezwilling

ATP Becker
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Wenn Gebäudedaten zu Datengebäuden werden, bleibt in der Immobilienbranche kein Stein auf dem anderen. Christoph M. Achammer, CEO von ATP architekten ingenieure, erklärt warum.

Ich darf Sie eingangs aus einer Rede zitieren: „Die Verschmelzung von digitaler und physi­scher Welt wird auch die behä­bige Immobilienindustrie disruptiv verändern.“ Wie kann man sich das vorstellen?

Die Implementierung von Informations- und Kommunikationstechnologie in Bauelementen sowie in Prozessstrukturen wird zu vollkommen neuen Businessmodellen führen. Das wird in allen vier Kernfundamenten des Bauens geschehen, also in der Planung, der Errichtung, dem Betrieb und der Finanzierung. Dies wird nicht nur alle gekannten Prozesse vollkommen verändern beziehungsweise neu generieren, sondern auch die Aufbauorganisationen der traditionellen Spieler auf den Kopf stellen. Die rasant wachsende Technologielandkarte mit ihren zahllosen Möglichkeiten müsste eigentlich bei allen an der Immobilienindustrie Beteiligten den dringenden Wunsch auslösen, sich auf die vollkommen neuen Herausforderungen einzustellen.

Stellt das nicht ein grundsätzliches Modell in Frage, dass sich in der Bauindustrie seit 150 Jahren mehr oder minder bewährt hat?

Ja, und genau diese Infragestellung sehen wir als unsere Aufgabe. Es geht schließlich um einen Kulturwandel. Dies bedeutet eine komplette Veränderung der kulturellen Haltung aller Beteiligten, wie auch jener von uns Planern. Der Schritt von der planbasierten zur modellbasierten Kommunikation stellt nur eine dieser Herausforderungen dar. Mehr noch sehen wir die Notwendigkeit der Veränderung hin zur vollkommenen qualitativen und quantitativen Transparenz in jeder Planungsphase. Es geht um eine offene Zusammenarbeit aller Beteiligten, was Kosten und Termine in der Entstehungsphase und was Betriebs-, Finanzierungs- und Exitparameter in der Betriebsphase betrifft.

Stichwort modellbasierte Kommunikation. ATP gilt als Pionier auf dem Gebiet von Building Information Modeling (BIM), auf dem der digitale Gebäudezwilling aufbaut. Was hat es damit auf sich?

BIM steht für die digitale Abbildung aller architektonischen, technischen, physikalischen und funktionalen Eigenschaften eines Bauwerks in einem zentralen Datenmodell. Dabei werden die Informationen aller Planungsprozesse  – von der Grundlagenermittlung über Planung, Errichtung oder Umbau/Umnutzung und Betrieb bis zum Abriss – erfasst, aktualisiert und dokumentiert. Mit BIM-unterstützter Integraler Planung werden Aussagen zum Gebäude maximal transparent. Dieses zukunfts- und lebenszyklusorientierte Planen bringt eine deutliche Qualitätssteigerung mit sich.

In unserem eigenen Unternehmen, das sich seit 40 Jahren der Integralen Planung verschrieben hat, haben wir bereits 2012 insofern darauf reagiert, dass nunmehr alle Projekte als Digitaler Zwilling in jeder einzelnen Planungs- und Ausführungsphase entwickelt werden. Wir sind derzeit dabei, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass dieser Digitale Zwilling ohne relevante Datenverluste in die Bewirtschaftungsphase übergeführt werden kann beziehungsweise dass er den zukünftig steigenden Anforderungen an Flexibilität, Um- und Rückbau genügt.

Warum sollte ein Bauherr einen integralen BIM-Planungsprozess bzw. digitalen Gebäudezwilling fordern? Wo liegen die konkreten Vorteile?

Digitale Integrale Planung liefert bessere Entscheidungsgrundlagen im Planungs- und Errichtungsprozess, unter anderem dank 3D-Visualisierungen und virtuellen Rundgängen im BIM-Modell. Die Simulation und Prognose zukünftiger Betriebskosten wird in früher Planungsphase möglich. Das Modell garantiert weiters einen reibungslosen Projektablauf durch kollisionsfreie Planung und somit die Reduktion um bis zu 40 Prozent der gebäudebezogenen Lebenszykluskosten. Die gesamte Projektdauer wird kürzer. Zudem bietet so eine Planung eine umfassende Unterstützung bei Nachhaltigkeits-Zertifizierungen und durch die komplette Dokumentation des Projekts auch eine Basis für effizientes Computerunterstütztes Facility Management.

„Letztlich muss es das Ziel sein, die Welt mit guten Gebäuden ein Stück besser zu machen.“ Auch ein Zitat von Ihnen. Was für einen Stellenwert haben BIM, Digitaler Zwilling und die digitale Integrale Planung bei dieser Zielsetzung?

Wie ich eben aufgezählt habe, gibt es eine ganze Menge an sehr konkreten Gründen für diese Art des Vorgehens, an denen man eigentlich als ökonomisch vernünftig denkender Bauherr oder Planer nicht vorbeikommt. Wir fördern diese neue Kultur und Technologie auch als Initiator mehrerer Plattformen in Österreich und Deutschland, die den für die Bauindustrie noch wenig beschrittenen Weg der Integration von digitalen Startups forcieren. Letztlich muss es das Ziel sein, einer Industrie, die immer noch mit 30 bis 50 Prozent Verschwendungspotential lebt, zu gesteigerter Produktivität und höherer Qualität zu verhelfen. Und dann wäre die Welt mit guten Gebäuden ein Stück besser.