Psychiaterin Kastner: „Keine kulturspezifische Tat“

Archivbild: Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner
Archivbild: Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner(c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)

Nach der Bluttat in Wien-Döbling gibt es zwar einen Täter, aber noch lang kein klares Motiv. Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner nennt ein paar allgemeine Erklärungsmöglichkeiten zu so einer (scheinbar) motivlosen Tat.

Nach der Festnahme und dem Geständnis nach der Tötung eines sieben Jahre alten Mädchens in Wien-Döbling gibt es zwar einen Täter, aber noch lang kein klares Motiv. Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner (die u. a. Gutachterin beim Fall Fritzl war) weist im „Presse“-Gespräch darauf hin, dass man noch viel zu wenig über den Täter weiß, um abseits von Hypothesen die Tat zu erklären. Sie kann aber ein paar allgemeine Erklärungsmöglichkeiten zu so einer (scheinbar) motivlosen Tat nennen.

„Es ist offensichtlich irrelevant, aus welchem kulturellen Hintergrund der Täter kommt. Das ist kein Spezifikum eines kulturellen Hintergrunds“, sagt Kastner. Ein solches, scheinbar motivloses Tötungsdelikt sei auch „keine Rarität“. Es ist aber durch die fehlende narrative Erklärung besonders schwer nachvollziehbar. Wir tun uns leichter, eine Tat nachzuvollziehen, wenn ihr zuvor ein Konflikt vorausgegangen ist. Diese Unvorhersehbarkeit führt zu einer starken Verunsicherung, weil es eben jeden treffen kann.

Das Opfer wurde zufällig ausgewählt. Selbst der Täter soll bei der Einvernahme gesagt haben, das Mädchen sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. So eine Zufälligkeit des Opfers komme bei verschiedenen Verbrechen vor: So werden Opfer von sadistischen Tötungsdelikten ebenso zufällig ausgewählt wie bei sexuellen Tötungsdelikten. Auch bei Delikten, die aus einer Kränkung oder einer (angenommenen) Zurückweisung heraus entstehen, werden die Opfer zufällig ausgewählt. „,Ich habe eine Wut auf alle, und keiner bringt mir die Wertschätzung, die ich verdiene‘, das ist ein klassisches Amokläufer-Motiv. Und die gibt es überall.“

Auch eine psychische Erkrankung könne hinter so einer Tat liegen. Sehr selten, aber auch möglich sei, dass eine Erkrankung ausbricht und mit dem Delikt startet. Und noch eine Möglichkeit gibt die Expertin an: „Es gibt Menschen, die jemanden umbringen, weil sie gern jemanden umbringen wollen.“ Es gebe viele Menschen, die sehr empathiebefreit sind, nur bleiben sie unauffällig, weil sie niemanden umbringen. Dass sich jemand von den Konsequenzen abschrecken lässt, komme übrigens selten vor. „Die meisten, die jemanden töten, nehmen nicht an, dass sie erwischt werden.“

Gewisser Planungsgrad

Auch wenn vieles an dem Fall noch nicht geklärt sei, ist eine Sache der Psychiaterin aufgefallen: Sie vermutet, dass ein gewisser Planungsgrad dahintersteckt. Immerhin hat der Täter die Siebenjährige dazu gebracht, in die Duschtasse zu steigen. „Das ist ja rein pragmatisch gesehen vernünftig, weil so die Spurenbeseitigung mit einem geringeren Aufwand verbunden ist.“ Es sei also anzunehmen, dass sich der Täter darüber Gedanken gemacht habe, was er tut.

Aber noch sei es zu früh, die Sache zu erklären: „Es ist noch so viel offen. Man kann nicht nach ein paar Tagen schon über alles Bescheid wissen.“

(ks)