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Türkei, Iran und Katar führen die Front gegen Israel an

Der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, macht mit scharfen rhetorischen Attacken gegen den „Terrorstaat“ Israel.
Der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, macht mit scharfen rhetorischen Attacken gegen den „Terrorstaat“ Israel.(c) REUTERS (HENRY NICHOLLS)

Der türkische Präsident, Erdoğan, gibt den Schutzherrn der Palästinenser. Das nützt ihm im Wahlkampf.

Istanbul. Nach dem Tod von 60 Palästinensern bei Protesten gegen Israel hat in der islamischen Welt ein Konkurrenzkampf um die Hauptrolle als Kritiker des jüdischen Staates und Beschützer der Palästinenser begonnen. Der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, macht mit scharfen rhetorischen Attacken gegen den „Terrorstaat“ Israel, dem Rückruf der türkischen Botschafter aus den USA und Israel sowie der Forderung nach einer Dringlichkeitssitzung der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) auf sich aufmerksam. Gleichzeitig forderte die Türkei den israelischen Botschafter auf, das Land zu verlassen. Auch Katar und der Iran setzen sich als Sachwalter der palästinensischen Anliegen in Szene. Dagegen hält sich die islamische Führungsmacht Saudiarabien wegen ihrer engen Zusammenarbeit mit den USA auffallend zurück.

Für Erdoğan bietet das Entsetzen der Türken über die Gewalt in Gaza die Gelegenheit, sich wenige Woche vor den vorgezogenen Neuwahlen im Juni als inoffizieller Sprecher der islamischen Welt zu präsentieren und seinen Wahlkampf in Fahrt zu bringen. In Istanbul gingen noch am Montagabend mehrere Tausend Menschen auf die Straße, um gegen Israel zu protestieren. Erdoğan bezeichnete das israelische Vorgehen in Gaza als „Völkermord“, ließ zum Gedenken an die palästinensischen Opfer eine dreitägige Staatstrauer in der Türkei ausrufen und kündigte für Freitag eine Großkundgebung gegen Israel am Bosporus an.

In einer auf Englisch verfassten Twitter-Nachricht schrieb Erdogan am Dienstag: "Er hat das Blut von Palästinensern an seinen Händen." Netanyahu sei der Ministerpräsident "eines Apartheid-Staates", der das Land eines wehrlosen Volkes seit mehr als 60 Jahren und in Verstoß gegen UNO-Resolutionen besetze. Das Vorgehen Israels im Gazastreifen mit Dutzenden Toten hatte Erdogan am Montag als "Genozid" bezeichnet.

 

„Blut an den Händen der USA“

Auch die OIC soll sich auf türkischen Wunsch an diesem Freitag zu einem Sondertreffen zusammenfinden. Erdoğan rief die Botschafter seines Landes aus Israel und den USA zu Konsultationen zurück. Regierungssprecher Bekir Bozdağ sagte mit Blick auf die Gewalt wegen der Eröffnung der neuen US-Botschaft in Jerusalem, auch die Amerikaner hätten „Blut an den Händen“.

Erdoğans offene Kritik an Israel und den USA steht im scharfen Gegensatz zur amtlichen Reaktion Saudiarabiens, das zwar die Gewalt in Gaza verdammt hat, die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem aber nicht einmal erwähnt hat. Die saudische Führung sucht den Beistand der USA im Kampf gegen den regionalen Rivalen Iran. Die israelischen Angriffe auf iranische Militärstellungen in Syrien vergangene Woche waren vom saudischen Partner Bahrain beklatscht worden.

Das kleine Golfemirat Katar dagegen, das mit Saudiarabien seit einem Jahr im Streit liegt, fährt eine härtere Linie und kritisiert die „brutale Mordmaschine“ der Israelis. Während die Türkei vor allem rhetorisch und politisch das Rampenlicht sucht, öffnet das reiche Katar die Geldbörse. Das Emirat hat in den vergangenen Jahren mehrere Hundert Millionen Dollar in den Wiederaufbau des Gazastreifens gesteckt, ein Engagement, das von seinen regionalen Gegnern nicht gern gesehen wird.

Auch der Iran bringt sich erneut als großer Bruder der Palästinenser ins Spiel. Anders als viele arabische Staaten geht Teheran seit Jahren hart mit den Israelis ins Gericht – ein Grund für das Ansehen der Iraner bei vielen Menschen in der Region. Nach den Todesschüssen von Gaza verdammte die Regierung in Teheran ausdrücklich die „arabischen Kollaborateure“ von USA und Israel. Die in Gaza regierende radikalislamische Hamas wird vom Iran finanziell unterstützt. Hamas-Funktionäre erfreuen sich zudem guter Kontakte zur türkischen Regierung.

Die Eskalation in Gaza bringt Saudiarabien und seine Verbündeten wie die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) in eine schwierige Lage. Sie sehen den Iran als Hauptfeind und wären bereit, die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit mit Israel bei diesem Thema auszuloten. Aber das ist nicht einfach. Zwar bemüht sich der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman diskret um engere Kontakte zu Israel, doch er muss auf die öffentliche Meinung im eigenen Land achten, in dem der jüdische Staat generell als Feind betrachtet wird.

Riad hofft auf Zugeständnisse der Israelis etwa in der Siedlungsfrage, um eine Annäherung an Israel rechtfertigen zu können. So sieht der Friedensplan von US-Präsident Donald Trump nach unbestätigten Berichten vor, dass Israel vier Bezirke in Ostjerusalem den Palästinensern überlässt. Doch Israel hat solche Kompromisse bisher abgelehnt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2018, APA/dpa)

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