Die Koreanerin Kim Yu-Na gewann überlegen Gold und brach nach der Kür in Tränen aus. Weit weg von einer Medaille im Damen-Eiskunstlauf sind die Europäerinnen.
Vancouver. „High Demand“ ist das Zauberwort. Wenn der Bedarf nach Tickets groß ist, wird es nicht nur für Besucher schwer, dann müssen auch Journalisten bangen. Etwa, wenn es um Karten für das olympische Eishockey-Finale geht. Oder um jenes im Curling. Oder um den Eiskunstlauf.
Nein. Die Kür der Damen am Donnerstag war zwar ursprünglich als „High Demand“ ausgeschrieben worden, wurde dann aber wieder abgestuft. Denn eines ist klar: Wenn Kanada keine Chance auf Gold hat, dann gibt es auch kein „High Demand“. Und da kann die Geschichte von Joannie Rochette noch so herzzerreißend sein. Auch wenn ihre Mutter am Sonntag gestorben ist und das ganze Land angesichts ihrer tapferen Leistung zu Tränen gerührt ist: Für eine Bronzemedaille drängt keiner ihrer sportbegeisterten Landsleute ins Pacific Coliseum. „Go Canada Go“ gilt nur für Gold. In diesem Land wird nur auf Sieg gespielt.
Und die Siegerin stand im Eiskunstlauf der Damen von vornherein fest: Die 19-jährige Kim Yu-Na führte nach der Pflicht überlegen und tanzte am Donnerstag alle an die Wand. Und da nützt es auch nichts, dass sie seit Jahren in Kanada lebt und trainiert und mit Brian Orser einen kanadischen Coach hat, der einst für Kanada olympisches Silber erobert hat. Kim Yu-Na startete für Südkorea. Das ist nicht „High Demand“. Auch nicht, wenn sie mit 228,56 Punkten einen neuen Weltrekord aufgestellt hat.
Unnachahmliche Leichtigkeit
Kim Yu-Na ist keine Läuferin der großen Posen, der theatralischen Gesten. Gekünsteltes Herumgetue ist ihr vollkommen fremd. Sie vermittelt Freude, Jugend und Ungezwungenheit. Und vor allem diese unnachahmliche Leichtigkeit – selbst bei ihrer Dreifach-Flip-Dreifach-Toeloop-Kombination. Und doch gab es einen kurzen Moment, in dem klar wurde, dass in diesem Sport gar nichts leicht, gar nichts einfach ist: Als Kim nach Ende ihrer Kür in Tränen ausbrach.
„Ich habe nie verstanden, warum andere nach der Kür weinen, und jetzt hab ich es selbst getan“, sagte sie später. Es muss wohl die Last gewesen sein, die von ihren zierlichen Schultern fiel. Ein ganzes Land hatte dieses Gold herbeigesehnt. Kim Yu-Na ist die populärste Sportlerin Südkoreas.
In ihrer eigenen Welt
Die Japanerin Asada Mao wurde mit großem Abstand Zweite. Das, obwohl sie zwei dreifache Axel gekonnt auf das Eis setzte. Einen Sprung, dem viele Herren aus dem Weg gehen. Doch Asada übernahm sich mit ihrem ambitionierten Programm. Sie wurde gegen Mitte ihrer vierminütigen Kür sichtlich müde und machte kleine Fehler. „Ich tat, was ich konnte. Mir gelangen die beiden Axel gut, aber mit dem Rest der Darbietung bin ich nicht glücklich. Es tut mir leid.“ Es reichte immerhin für die Silbermedaille. Allerdings deutlich vor Rochette, die zu ihrer Medaille meinte: „Das war das Lebenswerk von mir und meiner Mutter und wir haben es vollendet. Ich habe versucht, in eine eigene Welt einzutauchen. Das ist mir gelungen.“
Der Rest des Feldes lief in einer anderen Liga – in einer Liga deutlich darunter. Vor allem die Europäerinnen sind im Damen-Eiskunstlauf mittlerweile bestenfalls Mitläuferinnen. Die italienische Europameisterin Carolina Kostner stürzte dreimal. Einzig die 21-jährige Finnin Laura Lepistö durchbrach mit einer schönen Kür die asiatisch-nordamerikanische Phalanx und wurde Sechste. Die 19-jährige Russin Alena Leonowa wurde als zweitbeste Europäerin Neunte. Da gibt es sehr wohl „High Demand“: großen Aufholbedarf.
ZUR PERSON
■Kim Yu-Na (*5. September 1990 in Bucheon) verließ mit 16Jahren ihre südkoreanische Heimat, um mit Trainer Brian Orser in Kanada zu trainieren. Kim Yu-Na, in ihrer Heimat als Star verehrt, gewann in der vergangenen Saison in Los Angeles den Weltmeistertitel und krönte ihre Karriere nun mit Olympiagold in Vancouver.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2010)