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Ein unverzeihlicher Fehler?

Alkohol am Steuer: Wer verurteilt die Bischöfin? Und wer kann sie erlösen?

Manchen bin ich einiges, einigen bin ich vieles schuldig geblieben./ Und die Zeit läuft davon./Wessen Liebe kann das noch gut machen?/ Die meine nicht. Nein die meine nicht“, schreibt der Dichterpfarrer Kurt Marti. Ach, ich kann mir das vorstellen, wie Bischöfin Margot Käßmann diese Frage in sich gefühlt haben mag, am vergangenen Wochenende, ausgerechnet dem ersten Wochenende der Passionszeit.

Ihre Schuld eingestehend hat sie ihr Amt niedergelegt. Es war der richtige Weg bis hierher. Es ist aber nur der halbe. Und wenn er nicht eine radikale Kehre erfährt, wenn die Schritte von hier nicht in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes führen, dann wird es kein evangelischer Weg aus dem Glauben (gewesen) sein, sondern der Weg eines Menschen, einer Frau mit einer gescheiterten Karriere. Einer Frau, die an den Bildern und den Vorstellungen, die sie in vielen gewissenhaften Reflexionsprozessen von sich entwickelt hat, zugrunde gegangen ist, weil sie einen Fehler begangen hat, der nicht sein darf.

Den unverzeihlichen Fehler der Trunkenheit am Steuer. Das verzeiht sie sich nicht. Das verzeihen ihr viele nicht. Und alle haben recht. Sie ist aus der Rolle gefallen, aus dem Bild getaumelt. Was ist das für ein Vorbild, fragen viele heimlich oder öffentlich. Was bin ich für ein Vorbild, hat sie sich bestimmt wieder und wieder gefragt. Und ich sehe sie erwachen und sich fragen „Ist das wahr?“ Ja, es ist wahr und es ist wirklich, aber so beurteilt ist es nicht von Gott.

Ich versuche den umgekehrten Zugang, um meiner Forderung nach einer radikalen Kehre nachzukommen. Es ist die schöne Tradition des evangelischen Glaubens, dass er konsequent davon ausgeht, dass ich Gott nicht genüge. Dass ich niemals den perfekten Zustand eines erfüllten Lebens erreichen werde, in dem ich stimme. Martin Luther hatte sich gequält mit der Frage nach dem gnädigen Gott, dem er gefallen wollte. Und er war an den Nullpunkt seiner Existenz gelangt, weil er an die Nie-Erreichbarkeit dieses Zustandes glaubte, nämlich in der Gnade Gottes zu sein. Bis er den Schlüssel der Erlösung zu sich und zu einem liebenden Gott fand im Glauben. Gott ist es, der mich richtig macht, der ins rechte Verhältnis setzt, was mir nicht gelingt. Ich gelinge diesem Leben nicht. Aber Gott will es, dass ich ihm gelinge. Und die Entdeckung wird ihm zum Lebensglück: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“


Nicht Pressestimmen zählen

Im Glauben wird der Mensch neu erfunden, zu sich selbst gebracht. Und glaubt er oder sie richtig, dann nimmt der Mensch seine Sünden und heftet sie ans Kreuz. Hier werde ich erlöst und nicht von Lesermeinungen, Presseinterviews und nicht von menschlicher Schelte.

Die radikale Kehre setzt bei Gott an. Ich bin sehr froh, dass Frau Bischöfin Käßmann nicht in irgendeine, sondern in Gottes Hand – ihrer eigenen Aussage nach – fällt. Da, finde ich, kann sie sich schon ein wenig ausruhen. Sie ist glaubwürdig bis zur Entscheidung, ihr Amt niederzulegen. Aber, hier muss – dem evangelischen Glauben nach – die Kehre kommen! Mit Ingeborg Bachmann möchte ich sagen: „Zugrund' gerichtet, wach ich ruhig auf.“ Es soll Frau Käßmann ein Erwachen zu sich selber sein, dass sie Gott glaubt, der weiter Großes vorhat mit ihr auf ihrem Glaubensweg. In ihrem Scheitern, wie sie das gemacht hat, in aller Klarheit, ist sie mir ein Vorbild. Ein evangelisches Vorbild, das Versagen nicht zu vertuschen, sondern es frei und offen zu bekennen. Aus dieser Glaubenseinsicht auch habe ich die EKD gebeten, Frau Käßmann zu einem weiteren Rücktritt zu bewegen, zum Rücktritt vom Rücktritt, und sie spätestens zur nächsten Synode, da wird sie dann wieder ganz wach sein, in ihr Amt zurückzuwählen.

Dr. Ines Knoll, geb. 1959 in Erlangen/Deutschland, Wahlwienerin, ist seit 1999 amtsführende Pfarrerin an der Lutherischen Stadtkirche in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2010)