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Das liebessüchtige Albtraumpaar

Geisterstunde im Akademietheater: Die Uraufführung von Sibylle Bergs hinterlistigem Krisenstück »Nur Nachts« ist Regisseur Niklaus Helbling sehr leicht und verspielt geraten.

Peter (Dietmar König) und Petra (Alexandra Henkel), beide Mitte 40, haben sich eben erst kennengelernt, bei einer Stehparty. Ein paar Gläschen, und schon sehen sie einander als wohl letzte Chance vor dem sich abzeichnenden Seniorenunglück. Das Leben ist an ihnen vorbeigerauscht, sie waren im Beruf mäßig erfolgreich, jetzt verlangt es sie nach mehr: einfach abhauen für ein bisschen Liebe. In sechs Tagen wollen sie alles Bisherige aufgeben und dieses gemeinsame Abenteuer wagen, bis dahin gibt es flüchtige, schüchterne Treffen und vor allem Telefonate.

Und bei einem dieser Anrufe fällt der verräterische Satz: „Hallo, bist du noch da?“ In dem herrlich spröden, hinterfotzigen Drama von Sibylle Berg erhält diese Wendung eine geradezu metaphysische Bedeutung. Zwei vereinsamte Singles in der Krise der Mitte des Lebens wollen sich wieder spüren, und weil das bisher offenbar immer auch mit Scheitern verbunden war, ist die Daseinsfrage stets eine zweifelnde.

Zurecht, denn in „Nur Nachts“ werden die Geister 1 (Sarah Viktoria Frick) und 2 (Daniel Jesch) gerufen, zwei zitronengelbe Gehülfen eines bösen Einsatzleiters (Marcus Kiepe), der nichts anderes im Schilde führt, als das junge Glück zu zerstören. Er sendet dem reifen Paar mit seinen Wünschen (Nähe! Aufrichtigkeit! Kinder!) giftgelbe und grimassierende Albträume, die des Nachts den radikalen Zweifel am Sinn des Lebens nähren. Das Glück soll mit allen Mitteln unterbunden werden.

Ein urbanes Märchen. Regisseur Niklaus Helbling hat die Geisterwelt so übertrieben auf die Bühne gestellt, dass sie mit ihrer grellen Bösartigkeit schon wieder lieblich erscheint, ganz im Kontrast zum scharfen Humor des Textes, der bei aller Poesie auch Kalauer aus der modernen Lebens- und Arbeitswelt nicht scheut. Der Bühne (Dirk Thiele) mit ihren billigen, verschiebbaren Kulissen (Sind das Aufnahmen von Nervengewebe oder Bilder aus einem Zauberwald?) scheint als Vorbild ein Vorstadt-Märchenstück gedient zu haben. Selbst die Videowall wirkt wie eine Heimwerker-Karikatur der üblichen Protzerei (Videos: Elke Auer). Peter und Petra halten einen weißen Karton hoch, während sie ihre wenigen Freunde und Bekannten beschreiben. Die werden dann kurz auf diese Fläche projiziert. Was für ein schäbiges Freundschaftsnetzwerk! Achtlos wird die Pappe sofort entsorgt.

Unterstützt werden die Albs mit ihren Faschingsfratzen und Fantasiekostümen (Victoria Behr) sowie der Einsatzleiter als grindiger Entertainer durch zwei musikalische Geister. (Imre Bozoki-Lichtenberger und Moritz Wallmüller spielen Posaune, Gitarre und ein wenig mit Elektronik.) Ja, dieses Bergsche Nachtschattengewächs erhält bei Helbling Swing. Wenn Peter und Petra nicht gerade auf ihren Krankenbetten liegen, zwischen Depression nach den Albträumen und Vorfreude aufs Wiedersehen schwankend, singen und tanzen sie (passgenau für eine bescheidene Revue), tragen Gedichte vor oder ganz mutige Geständnisse; sie habe einen Obdachlosen, der um Zuneigung bettelte, schließlich doch allein gelassen auf einer Bank, eröffnet Petra. Und Peter beweist die neue Intimität der offenherzigen Zweisamkeit mit einem schonungslosen Gedicht über das Altern, einem expressiven Runzel- und Falten-Text. Henkel und König sind völlig überzeugend in der Darstellung von Menschen mittleren Alters und mittlerer Klasse in der trüben, grauen, westlichen Industriegesellschaft, die sich fast schon damit abgefunden haben, zu den Verlierern zu gehören. Ringe um die Augen, Ringe in der Körpermitte, das wird mit stiller Verzweiflung ertragen. Umso rührender sind die Versuche, sich am Anderen in diesem Scheitern festzuhalten.

Telefontherapie. Das Drama hat eine klare Struktur; Sechs Tage und Nächte erleben wir, in denen sich das künftige Schicksal entscheidet. Untertags wird versucht, mit Notlügen Haltung zu bewahren, abends wird, wie gesagt, per Telefon Therapie betrieben („Hallo, bist du noch da?“), und nachts kommen die bösen Träume. Da leben sich Jesch und Frick aus, als übermütige Clowns mit starker Schminke, tiefen Schatten unter den Augen, als Inkarnation von Erfolgsdruck und Lebensangst.

Was also bedrückt den modernen Mann und die moderne Frau? Die Geister spielen es vor. Sie sind die greisen Eltern, die der Demenz verfallen und zur Belastung für die Kinder werden. Sie sind die Zwillinge, per Kaiserschnitt ins Leben befördert, die frech ins Elternbett hüpfen und bald schon unerträglich werden, sie sind die erfolgreichen Bekannten, die mit ihren Bilderbuchkarrieren wie aus der Hochglanz-Illustrierten entsprungen wirken und nur ein Gebot kennen: Du sollst deinen Nächsten demütigen. Sie sind schließlich die Pfleger, die den vom nackten Überleben entkräfteten Protagonisten den Rest geben.

Erlösender Möbelwagen. Kann solch ein Albtraum ein glückliches Erwachen haben, selbst wenn der gute Mond am Ende so stille scheint, dass man dämlich glotzen darf? Kann die Liebe aber, dieses langmütige Gefühl, Menschen retten aus dem beschädigten Leben? Wird der erlösende Möbelwagen am sechsten Tage vor der Tür stehen, damit das Paar am siebten Tage ruhen kann? Wer weiß. Zwischen der übermütigen, satirischen, im Grunde aber gutmütigen Show von Regisseur Helbling, die eine Komödie suggeriert, und den nur kurz aufflackernden Momenten von Tragik in Bergs schönem Text klafft ein Riss. „Irgendwann kriegen wir sie alle“, singen die Geister, als ihre Opfer zu entkommen drohen. Und wenn der Peter und die Petra nicht gestorben sind, dann packen sie noch heute.

Nächste Aufführungen im Akademietheater: 4., 10., 11., 16. März

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2010)