Kunstsammlung: Grundkurs Feminismus

Kunstsammlung Grundkurs Feminismus
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Der Energiekonzern Verbund präsentiert in Rom die feministische Seite seiner Kunstsammlung. 500.000 Euro stehen Sammlungsleiterin Gabriele Schor pro Jahr für Ankäufe zur Verfügung.

Es war doch ein skurriler Anblick, als sich die Damen Kuratorinnen und der Herr Sponsor zur Pressekonferenz einer Ausstellung feministischer Kunst gerade im Canova-Saal der römischen Nationalgalerie moderner Kunst niederließen: Hinter ihnen dräute so ein mächtiger Herkules, der in einer gewaltigen Krafdemonstration den Diener Lichas durch die Luft schleudert. Lichas hatte im Auftrag der Herkules-Gattin ein von Gift durchtränktes Hemd überbracht – sie erhoffte davon Liebeszauber und schuf doch nur ungeheuren Schmerz.

Ist der Lichasdienst symbolisch für diese etwas kolonialistisch anmutende Ausstellung der Sammlung des Verbunds in seiner zweiten Heimat? Mit rund 45 Prozent ist der österreichische Konzern am fünftgrößten Energieunternehmen Italiens, Sorgenia, beteiligt. Grund genug für den Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Anzengruber, gerade im wenig an aktueller Kunst interessierten Italien zu zeigen, in welche Richtung sich der Verbund kulturell engagiert. Nämlich für raumbezogene und feministische Kunst seit den 60er-Jahren.

Seit 2004 baut Gabriele Schor mit großzügigen Mitteln – 500.000 Euro jährlich, so Anzengruber zur „Presse am Sonntag“ – eine Sammlung auf. 500 Werke, vor allem Fotografien und Installationen, sind es bis jetzt. Wie die auf osteuropäische Konzeptkunst spezialisierte Sammlung der Erste Bank folgt man mit Ausrichtung und Motto („Tiefe statt Breite“) zwar nicht dezidiert, aber doch dem international gefeierten Vorbild der Generali Foundation.

Eine eigenständige Vorreiterrolle kann die Verbund-Sammlung mit der Ausstellung jetzt aber in Italien für sich beanspruchen: Erstmals zumindest in Rom kann so ein Überblick über die „Feministische Avantgarde“ erhascht werden, wie Schor die einschlägig arbeitenden Künstlerinnen der 70er-Jahre zusammenfasst. Ein gewagtes Unterfangen, gegen das sich einige der 17 Künstlerinnen sicher gewehrt hätten und wehren würden – ist „Avantgarde“ doch ein klar männlich konnotierter Begriff in der Kunstgeschichte. Und haben die in den USA und Europa parallel Agierenden sicher nicht als gemeinsame Bewegung verstanden.

Aber das ist die Rache der Kunstgeschichte, die schon andere „Bewegungen“ im Nachhinein konstruiert hat. Und im Rückblick öffnet sich diese Schublade tatsächlich verlockend... Allein die Optik der Ausstellung unterstreicht mehr das Gemeinsame als das Trennende: Alles sehr klassisch gehängt, sehr schwarz-weiß, sehr streng, sehr kleinformatig. Künstlerinnen wandten sich in den 70er-Jahren von der (männlichen) Malerei ab und den neuen Medien, Fotografie, Video, Performance, zu. Der eigene Körper wird benutzt, um die traditionellen Rollen zu dokumentieren, zu analysieren, zu hinterfragen und zu sprengen.

Zu nahe am Vatikan. Manchen geschieht das sogar im Rückblick noch zu radikal. Vor allem bei religiösen Anspielungen verstehen die Italiener wenig Spaß: Eine Fotoserie der amerikanischen Künstlerin Hannah Wilke von 1874, in deren Verlauf sie sich mit Hilfe eines Leintuchs und ihres nackten Körpers von der Pose des segnenden Christus in die des gekreuzigten tanzt, durfte in der Nationalgalerie nicht gehängt werden – zu nahe am Vatikan, verriet Gabriele Schor.

Valie Exports im Schritt freie „Aktionshose: Genitalpanik“ scheint dagegen niemanden aufgeregt zu haben. Und auch der innigliche „Totentanz mit Mädchen“ der zweiten österreichischen Vertreterin dieser Richtung, Birgit Jürgensen, der besonderes Augenmerk vom Verbund gewidmet wird, erregte keinen Anstoß. „Jeder hat seine eigene Ansicht“, hat Jürgenssen sich 1975 auf den nackten Rücken schreiben lassen. So wohl auch das von halbnackten TV-Showgirls hypnotisierte Italien. Hier finden sich laut Schor auch nur wenige feministische Künstlerinnen, eine von ihnen, Ketty La Rocca, hat der Verbund im Zuge der Ausstellung in seine Sammlung aufgenommen. Ähnlich exotisch war dieses Gebiet in den 70er-Jahren in der Türkei, Nil Yalter ist – hier vertreten mit dem Video eines beschriebenen, tanzenden Frauenbauchs – eine Ausnahme.

Am stärksten vertreten in der Ausstellung ist jedoch Cindy Sherman, mit deren frühen fotografierten Rollenspielen für den Verbund dieser Teil seiner Sammlung begann. Gemeinsam mit der Künstlerin wird zur Zeit an einem Werkverzeichnis ihres Frühwerks gearbeitet. Bis dahin kann gerade in Rom jetzt der spannende Vergleich zu ähnlichen Rollenspielen der vergleichsweise unbekannten Martha Wilson gezogen werden. Die Frage ist, wie viele Besucher sich in diese Ausstellung in der für ältere und konservative Kunst bekannten Nationalgalerie verirren, im Schatten neu eröffnender Kunstinstitutionen wie Zaha Hadids MaXXI und dem städtischen MACRO. Hier hätte diese engagierte Ausstellung mehr Plattform bekommen, jetzt ist das Thema erst einmal vom Tisch. Ein Lichasdienst für die feministische Kunst? Oder doch ein Weckruf?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2010)

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