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Fehleinschätzungen der Menschheit

Experten warnten im 19. Jahrhundert, dass Menschen ernsthaft Schaden nehmen, wenn sie mit der Eisenbahn schneller als 30 km/h fahren. Eine spektakuläre Fehleinschätzung.

 

Auf der eisernen Straße heran kam ein kohlschwarzes Wesen. Es schien anfangs stillzustehen, wurde aber immer größer und nahte mit mächtigem Schnauben und Pfustern und stieß aus dem Rachen gewaltigen Dampf aus.“ Und: „Schrecklich schnell ging's, und ein solches Brausen war, dass einem der Verstand stillstand. Das bringt kein Herrgott mehr zum Stehen!“ So schrieb Peter Rosegger über sein erstes Erlebnis mit der Eisenbahn: der Semmeringbahn. Den Zeitgenossen war die neue Technik suspekt. Zu groß und auf jeden Fall zu schnell war die Eisenbahn – nach den damaligen Maßstäben, in denen das Pferd das Maß der Dinge war. Alles über 30 km/h war undenkbar.

Die Sorge über das ungewohnte Tempo war jedenfalls groß: Als der englische Dampflockerfinder George Stephenson 1825 die erste Eisenbahnstrecke (zwischen Manchester und Liverpool) beantragte, holte das britische Unterhaus ein Gutachten ein, die Pariser „Académie des science“ schrieb, dass die schnelle Bewegung der Reisenden eine Gehirnerkrankung, das sogenannte „Delirium furiosum“, hervorrufen könnte.

Im deutschen Sprachraum berühmt wurde ein anderer Fall: Als die Lok „Adler“ 1835 erstmals zwischen Nürnberg und Fürth verkehren sollte – mit 30km/h –, soll ein Gutachter des Bayrischen Medizinalkollegiums gemeint haben, dass die Geschwindigkeit „bei den Passagieren die geistige Unruhe, ,Delirium furiosum‘ genannt“, hervorrufe. Natürlich könne sich jedermann freiwillig dieser Gefahr aussetzen – aber die Zuschauer müssten geschützt werden, und zwar durch eine sechs Fuß (zwei Meter) hohe Schranke auf beiden Seiten der Bahn.

Dieses Gutachten wird in vielen Arbeiten und Büchern zitiert – allerdings wurde es in keinem Archiv gefunden. Damit steht die Überlieferung auf schwachen Beinen. Doch unabhängig davon ist klar, dass allein schon die Tatsache, dass der Satz ständig weiter zitiert wurde, ein grundsätzliches Unbehagen mit der Technik ausdrückt. Die medizinische Literatur des 19.Jahrhunderts ist auch voll von solchen Beispielen. Die Geschwindigkeit der damaligen Züge hatte natürlich Folgen für die Gesundheit: Die damals noch sehr schlecht gefederten Waggons verursachten z.B. einen „Eisenbahnrücken“. Doch über neuronale Auswirkungen wurde es relativ bald still.

Freilich erfasste das befürchtete „Delirium Furiosum“ schließlich doch noch Europa – wenn auch in einem anderen Sinne: Vor allem der Adel entdeckte bald den Reiz höherer Geschwindigkeit. Und schon wenige Wochen nach der Erstlingsfahrt des „Adlers“ wurden zur Belustigung des Publikums Schnellfahrten von 70 km/h angeboten.

martin.kugler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2010)