Das Eishockey-Match Kanada gegen die USA ging als eines der dramatischsten Finalspiele in die Geschichte ein. Sidney Crosbys 3:2 in der Overtime erlöste ein ganzes Land, das Land der Gastgeber.
Vancouver. „Ich kann mich kaum daran erinnern. Ich weiß noch, dass ich Iggy (Jarome Ignila, Anm.) um den Puck rief. Er spielte ab, ich schoss ohne zu schauen, dann sah ich das Ding im Netz.“ Sidney Crosby erlöste ein ganzes Land durch sein Siegestor in der Overtime und wusste nicht mehr, wie ihm geschah. Der 22-jährige Superstar im Team Kanada hatte kein überragendes Turnier gespielt. Er war von den Gegnern eng gedeckt und oft hart gecheckt worden. Doch im wichtigsten Augenblick des olympischen Eishockey-Finales machte sein Geniestreich den Unterschied.
„Sie spielten großartig, doch wir lieferten ein genauso großes Spiel ab“, sagte US-Coach Ron Wilson später. „Es ist eine Schande, dass es nicht für beide Mannschaften Goldmedaillen gibt.“
Es war das erhoffte Traumfinale. Nicht nur, weil sich Kanada und die USA gegenüberstanden. Es war traumhaft schönes Eishockey, das beide Teams zeigten. Hart, rasant, packend: das typisch nordamerikanische Spiel. „Nicht wie die Slowaken, Tschechen oder Russen, die abwarten und schauen, was geschieht“, meinte Wilson.
Im Finale gab es kein Abwarten. Da spielten zwei Mannschaften auf Angriff, da ging es hin und her. Und wieder waren es die Jungstars, die für Tore sorgten. Im ersten Drittel brachte der 21-jährige Jonathan Toews die Kanadier in Führung. Ein Milchgesicht, das eher an einen Eiskunstläufer denn an einen Hockeyspieler erinnert. Doch er zählt längst zu den besten Profis der NHL, ist Kapitän der Chicago Balckhawks. Und er wurde ins All-Star-Team gewählt.
Tag der Youngsters
Vor dem Turnier musste sich Teammanager Steve Yzerman Kritik gefallen lassen. Es seien zu viele Jungspunde im Team, hieß es. Sie könnten dem Druck nicht standhalten. „Es sind alles erfahrene Jungs“, entgegnete Yzerman. Corey Perry etwa. Der 24-Jährige hat mit Anaheim den Stanley-Cup gewonnen. Er steuerte das 2:0 im Finale bei. Er nützte einen dummen Fehler des US-Verteidigers Brian Rafalski aus. Bis zu diesem Augenblick hatte der 36-jährige Haudegen der Detroit Red Wings ein perfektes Turnier gespielt. Er wurde trotz seines Patzers ins All-Star Team gewählt.
Das Tor kurz vor Mitte des zweiten Drittels schien wie eine Vorentscheidung. Die Kanadier spielten konsequentes Forechecking weit im US-Drittel. Wieder war es Ryan Miller, der die USA im Spiel hielt. „Wir haben den besten Goalie der Welt“, lobt Coach Wilson.
Als 250.000 Fans vor den Großleinwänden in Vancouver, 17.000 Zuschauer im Canada Hockey Place auf das dritte Tor warteten, fiel der Anschlusstreffer. Es war eine Koproduktion der Vancouver-Canucks-Stars Ryan Kesler und Roberto Luongo. US-Stürmer Kesler zog ab und Luongo ließ den haltbaren Schuss passieren. Eine Schrecksekunde. Plötzlich war sie verflogen, die kanadische Selbstsicherheit. Auch bei den Fans. Denn Publikumsliebling Luongo stand nur deshalb im Tor, weil Martin Brodeur gegen die USA bei der 3:5-Niederlage in der Vorrunde gepatzt hatte. Ein Déjà-vu?
„Ich glaube, wir hätten uns heute mehr verdient“, meinte Kesler nach dem Spiel. Denn angestachelt durch sein Tor kam das US-Team wieder auf, hielt wacker entgegen und hatte im letzten Drittel auch das Glück: Zweimal traf Kanada nur die Stange. Als es keinen Fan mehr auf den Sitzen hielt, als der überragende US-Goalie Brian Miller schon vom Eis war, damit die USA die letzten Sekunden in Überzahl spielen konnten, da schoss Zach Parise das 2:2.
Das beste Team des Turniers?
24,4 Sekunden waren noch auf der Uhr. Und es wäre mucksmäuschenstill geworden, wären da nicht einige hundert amerikanische Fans völlig ausgeflippt. Und ausgeflippt ist wohl auch einer in Klagenfurt: Jordan Parise, Zachs älterer Bruder ist Türhüter des KAC. Es ging in die Overtime.
Parise und Miller stehen beide im All-Star-Team. Ryan Miller, der Teamkollege von Österreichs NHL-Star Thomas Vanek bei den Buffalo Sabres, wurde sogar zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt. Trotzdem konnten sich die beiden am Ende nicht darüber freuen. „Mitunter gewinnt nicht jenes Team, das das beste Turnier spielt“, sagte US-Coach Wilson und meint dann versöhnlich: „Gewonnen hat an diesem Abend auf jeden Fall das Eishockey.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2010)