Raymond Pettibon: Der Punk mit der Puppe

Raymond Pettibon
Raymond Pettibon(c) EPA (Holger Hollemann)
  • Drucken

US-Ausnahmezeichner Raymond Pettibon bekam am Montag den Kokoschka-Preis, den mit 20.000 Euro hoch dotierten Kunstpreis des Landes, überreicht. Als Zeichner der Punk-Szene wurde Pettibon bekannt.

Die Hände zittern, der Blick ist unruhig, das Gesicht dafür unbewegt, und es ist mehr ein Ringen nach Worten als ein Gespräch. Raymond Pettibon, amerikanischer Ausnahmekünstler, ist ein anstrengendes Gegenüber. Und bestes Beispiel für das Klischee, dass exzellente Künstler auch exzentrische sind. Höfliche Verweigerung bestimmte auch die Unterhaltung mit dem 1957 geborenen, in Los Angeles lebenden unheimlichen Riegel von einem Mann, Montagmorgen in einem Wiener Luxushotel. Eine Stunde später wird der in der Punkszene sozialisierte und in Comics-Art manisch zeichnende Autodidakt ebenso stoisch den mit 20.000 Euro hoch dotierten Kunstpreis des Landes, den Oskar-Kokoschka-Preis, in der Universität für angewandte Kunst entgegennehmen.

Seine Beziehung zu Kokoschka? „Ich bewundere Leben und Werk, das zwei Weltkriegen ausgesetzt war, also von Kräften geprägt, die seine Lebensentscheidungen für ihn bestimmten.“ Ob er in seinem Leben ähnliche Kräfte ausmachen könnte? Hätte der Bruder Raymond Gins – wie Pettibon eigentlich heißt, der Spitzname „braver Kleiner“ ist ein Künstlername – in den 70ern nicht die Punkband „Black Flag“ gegründet, wäre er heute etwa immer noch Mathe-Lehrer an einer Highschool? Das würde die Theorie des Bruders bestätigen, meint Pettibon. Er glaube eher, dass seine Plattencovers für die Black Flags und andere Punkbands keine gute Eintrittskarte in die Kunstwelt waren.

Er hat es trotzdem längst geschafft, gilt heute als einer der einflussreichsten amerikanischen Künstler. 2006/2007 konnte man sich bereits in der Wiener Kunsthalle ein Bild seines Werks machen, ein mit schwarzer Tinte gezeichnetes, ironisches Konglomerat aus Zitaten aus Literatur, Comic-Kultur, Politik, Sport, US-Alltagskultur im Allgemeinen. Gelernte Österreicher erinnern die Blätter an die stärker einer Innenwelt entspringenden Bilddichtungen Günter Brus', Pettibons vergriffene Bücher an Kokoschka, der ebenfalls literarisch tätig war. Denkt man an Kokoschkas Drama „Mörder, Hoffnung der Frauen“ und sein exzessives Leben als Junger – könnte man ihn als Punk seiner Zeit bezeichnen? „Das könnte man, vor allem auch, wenn man an die Puppe denkt, die er von Alma fertigen ließ“, sinniert Pettibon.

Es sei ihm jedenfalls eine Ehre, den Kokoschka-Preis verliehen bekommen zu haben, dankt er zögerlich und ein wenig ratlos bei der Preisverleihung im nüchternen, aber wohl gefüllten Aktsaal der Angewandten. Hier hatte bereits Kokoschka unterrichtet, dessen Geburtstag sich gestern, am 1.März, zum 124.Mal jährte. Stephan Schmidt-Wulffen, Rektor der Akademie der bildenden Künste, würdigte Pettibon zuvor als einen der Ersten und Großen der „Appropriation-Art“, der in den 70er-Jahren stark gewordenen Kunst der Aneignung fremden Materials. Angewandte-Chef Gerald Bast betonte in seiner Begrüßung die Rolle des vom Wissenschaftsministerium ausgelobten Preises als Commitment der Politik für die Kunst. Was sich bis ins Kunstministerium nicht durchgesprochen zu haben scheint. Die Urkunde überreichte in Vertretung von Ministerin Beatrix Karl Sektionschef Friedrich Faulhammer. Es applaudierten in der ersten Reihe City-Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel und ÖVP-Kultursprecherin Silvia Fuhrmann. Von SP-Kulturpolitikern fehlte jede Spur.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2010)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.