"I geh' den Ratkay anschau'n": Die letzte öffentliche Hinrichtung in Österreich

Auszug aus der "Neuen Freien Presse" vom 30 Mai. 1868Die Presse

Am 28. Mai 1868 wurde der Tischlergehilfe Georg Ratkay hingerichtet. Nach Tumulten am Galgenhügel verordnete Kaiser Franz Joseph das Ende öffentlicher Exekutionen.

"Die ganze Operation war das Werk einer Minute. Ratkay hatte nichts mehr empfunden, als die Execution vollzogen wurde, denn er war bewußtlos", schrieb die "Neue Freie Presse" am 30. Mai 1868 über die letzte öffentliche Hinrichtung in Österreich vor 150 Jahren bei der "Spinnerin am Kreuz" auf dem Wienerberg. "Doch die Menge johlte und johlte beim Anfahren des Delinquenten, als er aus dem Wagen gehoben wurde und als das Urtheil an ihm vollstreckt war, in wahrhaft empörender Weise, als ob es sich um eine Festvorstellung handeln würde."

Tatsächlich lagerten schon in der Nacht auf den 28. Mai Schaulustige auf dem Wienerberg, um sich die besten Plätze zu sichern. Ein Korrespondent der "Neuen Freien Presse" schrieb: "Die Menge hatte sich von zwei Uhr Nachts an bereits dahin gedrüngt und campirte, das Schauspiel erwartend. Die Dächer der Magazine der dort liegenden großen Leimsiederei, sowie des Wirtshauses waren ebenfalls zur Tribüne geworden, indem dieselben von einer dicht gedrängten Menschenmenge besetzt waren." 30 Kreuzer verlangten Besitzer umliegender Gebäude für einen Sitz- oder Stehplatz am Dach. Für Plätze auf den improvisierten Tribünen wurden Preise bis zu einem Gulden "bereitwilligst gezahlt". Wo noch Platz war, "stellten sich Miethwagen aller Art, sogar Möbelwagen auf". In der Neustädter Straße standen Fahrzeuge in drei dichten Reihen.

Es war nicht leicht, den Delinquenten zur Hinrichtungsstätte zu bringen. "Erst um 6 Uhr erschien ein Bataillon Este-Infanterie mit der Fahne und je ein Escadron Windischgrätz-Dragoner und Liechtenstein-Husaren. Wenn schon das Durchdrängen dieser Truppen bis zu dem Richtplatze eine schwere Aufgabe war, so bot das Freimachen des Raumes und die Executions-Stätte noch größere Schwierigkeiten. Da ging es natürlich nicht ohne Rippen- und Kolbenstöße ab."

Die Hinrichtung des 23-jährigen Tischlergehilfen Georg Ratkay geriet zu einem Spektakel, mit dem sich drei Tage nach der Exekution auch die Plenarversammlung des Demokratischen Vereins im Bezirk Neubau auseinandersetzte. Kritisiert wurden "die Rohheit begünstigenden Einflüsse eines so widermenschlichen Schauspiels". Ein Lehrer erzählte dabei, dass ihn mehrere Kinder gefragt hätten: "I' bitt', Herr Lehrer, morgen komm' i nit in d' Schul, i geh' den Ratkay anschau'n, wie er g'henkt wird." Ein anderer Redner meinte: "Wenn ein solcher Scandal geboten wird, was nützt dann das Unterrichten; die G'stanzeln, die sie dort hören, merken sich die Kinder viel eher."

Presse als Instrument zur Mörderjagd

Nicht nur aufgrund des großen öffentlichen Interesses war der Fall Ratkay ein besonderer. "Erstmals wurde die Presse als Instrument zur Mörderjagd eingesetzt", schreibt Reinhard Pohanka in seinem Buch "Räuber, Mörder, Kindsverderber. Eine Kriminalgeschichte Wiens". Ratkay hatte sich bei dem Tischlerehepaar Henke unter dem falschen Namen "Eduard Reinbold" als sogenannter Bettgeher in deren Wohnung eingeschlichen und am 9. Jänner 1868 die Frau mit einem Hobel erschlagen.

Begriff: Bettgeher

Bettgeher waren im Wien des Jahres 1868 eine übliche Erscheinung. Wer sich kein eigenes Zimmer oder keine eigene Wohnung leisten konnte, mietete sich das Recht, zu einer bestimmten Zeit ein bestimmtes Bett zu benutzen.

Nicht selten wurde ein Bett an verschiedene Personen zu unterschiedlichen Zeiten vermietet. Für die Vermieter bedeutete das ein überlebenswichtiges finanzielles Zubrot, barg aber auch das Risiko, unbekannte Personen zu beherbergen.

Noch am Tag der Tat machte die Polizeidirektion das Verbrechen publik. Eine Personenbeschreibung des Mörders fehlte aber. In der ersten Nachtragskundmachung stand dann: "Der dieser That beanzeigte angebliche Edmund Reinhold ist von großer Statur und überhaupt für sein Alter (24-26 Jahre) von sehr robustem Körperbaue. Derselbe hat seine Kopfhaare auf der linken Seite abgetheilt und nach jeder Seite glatt gekämmt, starke Augenbrauen und wohlgeformte Nase."

Die öffentliche Fahndung führte rasch zum Täter. Es war vor allem ein Detail, das der Polizei half: Der Verdächtige hatte einige Tage zuvor erzählt, dass er bei seiner Geliebten einen Sessel reparieren müsse. Das Dienstmädchen Karoline Geserich sagte aus, einen Geliebten mit dem Namen Georg Ratkay zu haben, dessen Aussehen genau auf die Beschreibung passe. Sie wusste auch eine andere Wohnadresse des Mannes, zu der die Polizei sofort eilte. Doch Ratkay hatte die Morgenzeitung gelesen. "Die Polizei musste nun konsterniert feststellen, dass ihr die Informationspolitik durch die Zeitungen nicht nur Vorteile brachte", so Pohanka.

Allerdings wussten die Beamten nun, dass Ratkay ein deutschsprachiger Ungar war. Eine Flucht in Richtung Heimat lag auf der Hand. "Polizisten überwachten daraufhin den Nordbahnhof, die Station Floridsdorf, den Raaber Bahnhof, den Südbahnhof und die Station Simmering", wie Werner Sabitzer in seinem Artikel "Tumulte auf dem Galgenhügel" (erschienen in: "Öffentliche Sicherheit 3-4/18") schreibt. Aber auch die Wohnung der Eltern des Dienstmädchens Geserich in Kleinneusiedl, die entlang einer möglichen Fluchtroute lag, wurde überwacht. Tatsächlich konnte er dort kurz nach drei Uhr nachts am 15. Jänner verhaftet werden. Eine Woche später legte er ein umfassendes Geständnis ab.

Ende der öffentlichen Hinrichtungen

Als Folge der Tumulte am Wienerberg verfügte Kaiser Franz Joseph, Hinrichtungen nicht länger öffentlich abzuhalten. Die Strafprozessordnung wurde 1873 entsprechend geändert. Exekutionen fanden ab sofort in einem kleinen Lichthof des Landesgerichts für Strafsachen in Wien statt.

Während des Ersten Weltkriegs gab es dann zahlreiche Exekutionen, wie Sabitzer in seinem "Lexikon der inneren Sicherheit" notiert: "Von 1934 bis zur Machtübernahme der Nazis starben 21 zum Tode Verurteilte am Würgegalgen. Während der Nazi-Zeit selbst wurden 1184 Menschen mit dem Fallbeil hingerichtet. In der Zweiten Republik wurden 31 Todesurteile vollstreckt, die letzte Hinrichtung fand im Jahr 1950 statt."