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Literatur

Marx geht zum Barbier

Der originellste Beitrag zum Marx-Jahr: Uwe Wittstock über Marx' Reise nach Algier.

Zum ersten Mal in seinem Leben verließ der Revolutionär Europa, ließ die ideologischen Schlachtfelder hinter sich, als er im Februar 1882 im Hafen von Algier bei schlechtem Wetter an Land ging. Karl Marx wollte seine Krankheiten auskurieren, Rippenfellentzündung und Bronchitis hatte man diagnostiziert. An gesunden Schlaf war nicht zu denken: Die Erinnerung an seine geliebte verstorbene Frau war zu stark, die Ärzte hatten ihm sogar verboten, an ihrem Begräbnis teilzunehmen. Husten quälte ihn, man hatte ihm deswegen eine Kur am Meer verordnet. Demütig unterwarf er sich. Er fühlte sich wie Don Quijote auf dem letzten Teil seiner Abenteuerreise, doch Algier, die blendend weiße Stadt, gefiel ihm. Nie in seinem Leben hatte er einen Blick für Landschaften gehabt, sein Kopf hatte immer nur in den Büchern gesteckt, doch plötzlich hatte er einige Wochen Zeit für die Sonne, das Licht, die Luft.

Kann man mit dieser kurzen Periode in Marx' Leben ein Buch mit 288 Seiten füllen? Nein, man kann nicht, zu dürftig ist die Quellenlage. Kann man doch, wie Uwe Wittstock beweist, der mit Marx auf diese letzte Reise geht. Er lässt seinen hustenden und blutspuckenden Helden viel dahindämmern, in seinem Zimmer in Algier seinen Erinnerungen nachhängen und das ganze bewegte Leben dabei Revue passieren. Eine Bilanz. Es waren bessere Zeiten. Früher. Hat Wittstock etwa gar einen Roman geschrieben? Nein, alles ist belegbar, und doch neu präsentiert. Der Autor zeigt uns Marx nicht als Monument, sondern als Mensch. Immer mehr nähert er sich in eleganter Erzählweise diesem Mann an.