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Der letzte Kreuzritter

Die Farbe des ORF: Wer hat Angst vor Norbert Steger?

Ich bin solidarisch mit dem ORF. Aber er soll machen, wofür er da ist: Nachrichten, Debatten, Filme, Kultur aus Österreich.

Ein treuer Kritiker fragt sich, wie ich Viktor Orbán loben kann, da doch angesichts der Mediensituation in Ungarn meine Solidarität mit ungarischen Journalisten angezeigt wäre. Zwar schätze ich an Orbán nichts anderes als seine Bekundungen einer Verteidigung des christlichen Abendlands, die Frage beschäftigt mich aber. Politiker der neuen Regierungspartei FPÖ haben einzelne ORF-Journalisten attackiert, und Norbert Steger (FPÖ) ist nun Vorsitzender des ORF-Stiftungsrates. Ist da nicht Solidarität gefordert?

Ich gestehe, ich liebe den ORF. Der ORF war in zwölf Auslandsjahren mein Fenster in die Heimat. Er hat meine Bücher beworben und meine Filme finanziert, kurz vor meinem katholischen Outing nannte er mich „einen der klügsten Köpfe des Landes“. Gern erwidere ich das Kompliment, der ORF hat die besten Rezensenten des Landes. Nur damit das klar ist: Ich habe mit dem ORF keinen Strauß auszufechten.

Ich gestehe weiter, dass ich mit meiner Solidarität noch ab-warte. Na freilich will die FPÖ eine freundlichere Berichterstattung. Es stimmt, dass Orbán über die Jahre eine mehrheitlich gewogene Medienszene geschaffen hat, doch ist da ein gewaltiger Unterschied: Konservative, nationale, rechte Journalisten, die auch das Handwerk beherrschen, treibt man in Ungarn auf. In Österreich gibt es sie nicht. Der Versuch, den ORF zum Blaufunk zu formen, würde in einer Geisterbahn enden oder mit dem Zusperren.

Vorläufig bezaubert mich das Wiedersehen mit Norbert Steger. Die 1986 schon fernsehen durften, erinnern sich an ihn als einen rüde weggeputschten Liberalen. 32 Jahre später sehen wir ihn wieder. Er ist 74, hat sich mit der populistischen Großpartei FPÖ versöhnt, rudert beschwichtigend mit den Armen, wirkt abgeklärt und listig. Dass ein großer Teil der ORF-Seher das Vertrauen in die Berichterstattung verloren hat – damit hat Steger einfach recht.


Natürlich ist der ORF ein tausendfüßiger Koloss. Ein ORF-Journalist kann vieles sein, medialer Mundschenk des Landesfürsten im Landesstudio oder linker Gehirnverrenker auf Ö1. Der Vorwurf des „Rotfunks“ – „Grünfunk“ wäre genauer – trifft jedoch auf Informationssendungen im Fernsehen zu. So beobachte ich ein geradezu angeborenes Unvermögen, ausgewogene Diskussionsrunden zusammenzustellen. Die Moderatoren sind Profis, sie bringen halt bei einigen Themen ihre Privatmeinung ein: Migration, EU, Abtreibung, Schwulenrechte, Kirche, Islam. Also eh bloß bei den Schlüsselthemen unserer Zeit. Dabei zeigen Privatsender, dass Diskutieren nicht schwer ist: Wenn man über den Look der Moderatoren hinwegsieht, erlebt man auf OE24 offene Debatten.

Ja, ich bin solidarisch mit dem ORF. Wenn das Öffentlich-Rechtliche bedroht wird, sattle ich sofort meinen humpelnden Gaul. Ich will nicht von fremden Medienkonzernen oder Austro-Berlusconis informiert werden. Nehmt den Leuten die Panik vor der GIS, überlasst Sport und US-Serien den Privaten und halbiert die Gebühren! Macht, wofür Ihr da seid: Nachrichten, Debatten, Filme, Kultur. Aus Österreich für Österreich.

Wenn sich künftig die Freiheitlichen weiter beschweren, wenn auch Türkise, Rote, Liberale und Grüne aufschreien und wenn ein versprengtes Kreuzritter-Männlein weiter grummelt – dann erfüllt der ORF seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag. Mit etwas gutem Willen wird alles gut.

Martin Leidenfrost, Autor und Europareporter, lebt und arbeitet mit Familie im Burgenland.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2018)