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Blick auf Hallstatt: Nach manchen Schätzungen besucht mehr als eine Million Touristen jedes Jahr die Gemeinde.
Blick auf Hallstatt: Nach manchen Schätzungen besucht mehr als eine Million Touristen jedes Jahr die Gemeinde.Salzwelten Hallstatt
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360 Grad Österreich: In Hallstatt haben sich die Besucherzahlen in den vergangenen Jahren fast verfünffacht. Jetzt diskutiert man Begrenzungen.

„Quiet please“, steht auf dem Schild, das an einem Holzstapel befestigt ist. Es ist ein frommer Wunsch der Bewohner. Vor ihrer Haustür stehen Dutzende Touristen, drängen sich um den besten Platz, schieben genervt andere Menschen zur Seite, einer flucht laut, weil schon wieder jemand ins Bild gelaufen ist.

Es ist ein Problem, wenn man am schönsten Punkt von Hallstatt wohnt mit einem Blick auf den ganzen Ort, links der See, im Hintergrund die Berge. Diese Postkartenansicht wollen Tausende andere auch haben, und deswegen ist die Bitte der Bewohner um Ruhe verständlich – aber vergeblich.

Hallstatt ist so kitschig schön, dass es die Kulisse eines Disney-Films sein könnte. Kein Wunder, dass es die Chinesen für eine Wohnsiedlung in Luoyangzhen kopiert haben. Hineingebaut zwischen Berg und See, nicht, weil das so idyllisch ist, sondern weil es praktischer war dort zu wohnen, wo der Arbeitsplatz war; wo man das „Hall“ abbaute, wie die Kelten das Salz nannten.

Heute baut man im nahen Bergwerk zwar noch immer Salz ab, die Bewohner aber leben größtenteils von jenen Menschen, die die einstige Arbeitergemeinde sehen wollen. Und es kommen immer mehr, die Besucherzahlen sind in den vergangenen sieben Jahren massiv nach oben gegangen. Vor allem in China genießt der Ort, nicht zuletzt wegen des Nachbaus, enorme Popularität. Man sieht die Zuwächse bei der Busstatistik: 3440 Busse zählte man 2010 auf den Parkplätzen in Hallstatt, 2017 waren es fast fünf Mal so viele – 16.495.

„Es ist kaum noch zum Aushalten“, klagt ein Einheimischer. Früher hätte man zumindest im Winter Ruhe gehabt, jetzt kämen die Touristen zu jeder Jahreszeit. „Da wirst wahnsinnig, wenn du durch den Ort gehen musst – oder noch schlimmer, mit dem Auto nach Hause fahren willst.“ In Hallstatt gibt es nur eine Durchzugsstraße, und die ist immer voller Touristen.

Je nachdem, mit wem man spricht, variieren die Schätzungen über die Zahl der Besucher: 500.000 bis 800.000 pro Jahr glaubt man beim Gemeindeamt (Hallstatt hat 780 Einwohner). 1,2Millionen, sagt Friedrich Idam, der den Massentourismus einbremsen will. Das wäre, um es mit einem anderen populären Touristenort zu vergleichen, etwa das Dreifache des Besucher-Einwohner-Verhältnisses von Venedig. Idam ist Gründer der Bürgerliste „Bürger für Hallstatt“, die bei der Gemeinderatswahl 2015 auf Anhieb 28 Prozent der Stimmen erhalten und sogar die ÖVP überholt hat (die SPÖ ist stärkste Partei). Ein Indiz, wie sehr es in Hallstatt brodelt.

Der Unmut kommt auch daher, dass viele Touristen keine Grenzen kennen. „Früher hat doch bei uns niemand die Haustür zugesperrt“, erzählt einer. „Bis die ersten Asiaten im Zimmer gestanden sind.“ Dass Touristen durch die Gärten spazieren, vor Eingangstüren für Fotos posieren, das gehört zum Alltag. Da nützen selbst die englisch gehaltenen Hinweisschilder „Private“ nichts. Auch das Drohnenverbot hat einen guten Grund, die Piloten steuerten ihre fliegenden Kameras über die Gärten und bis vor die Fenster der Häuser. Und vor dem Beinhaus in der Michaelskapelle steht jetzt eine kleine Hütte, bei der Eintritt kassiert wird – weniger, um so Geld zu verdienen. Aufgabe des älteren Herrn ist in erster Linie die Kontrolle, seit Besucher vor einiger Zeit zwei der bemalten Totenschädel gestohlen haben.


Arbeitsgruppe tagt. Zwischen allen Fronten steht der Bürgermeister. Einerseits ist der Tourismus gut für die lokale Wirtschaft und gut für den Ort – die Einnahmen aus den kostenpflichtigen Parkplätzen helfen, günstige Wohnungen zu bauen. Andererseits leben eben nicht alle Bewohner vom Tourismus – und die, die nichts von den Besuchermassen haben, wollen ihre Ruhe und ihren Frieden.

„Manchmal habe ich den Eindruck, ich muss mich persönlich für die vielen Touristen rechtfertigen“, erklärt Alexander Scheutz. Natürlich seien es viele und natürlich sei es eine Belastung. Würden die Geschäfte auch andere Einwohner profitieren lassen, wäre die Akzeptanz vielleicht höher, meint der Bürgermeister.

So aber braucht man Lösungen, und die glaubt Friedrich Idam zu kennen. Eine Beschränkung der Besucherzahlen. „Man muss sich bei vielen Attraktionen vorher anmelden, etwa beim Kolosseum in Rom oder auch bei einem Besuch im Vatikan. Wenn da alles ausgebucht ist, dann ist es ausgebucht. Pech gehabt.“ Ähnliches schwebt ihm für Hallstatt vor.

Im Gegensatz zu Venedig, wo alle paar Jahre eine zahlenmäßige Beschränkung debattiert und die Idee immer wieder verworfen wird, macht man in dem Ort jetzt ernst. Eine Arbeitsgruppe wurde unter Einbeziehung der Bevölkerung gegründet. Sie wird über den Sommer mit professioneller Begleitung Lösungen diskutieren und im Herbst ein Konzept vorstellen. Eines, das, wie Idam meint, nur ein Ziel haben kann: „Die Touristenströme zu regulieren und zu reduzieren.“

Er hat sogar schon eine konkrete Vorstellung: 30 Busse pro Tag, also etwas über 1000 Menschen (in vielen Bussen, die nach Hallstatt fahren, bleiben die Gangplätze unbesetzt, weil alle am Fenster sitzen wollen). Bürgermeister Scheutz findet es zwar nicht schön, wenn man Besucher abweist. Aber: „Es soll bei den Ideen keine Tabus geben.“

Vielleicht gewinnt Hallstatt dann auch wieder etwas vom ländlichen Charakter zurück. „Wir haben einen Wochenmarkt organisiert, weil man im Ort zwar Mozartkugeln und schön verpacktes Salz kaufen kann. Aber frisches Obst und Gemüse findet man schwer“, erzählt Idam. Der Wochenmarkt findet weg vom Zentrum statt, draußen entlang des Badeplatzes. Hier kommen nur die Einheimischen hin zum Einkaufen. „Da gibt es wieder so etwas wie ein Dorfgefühl“, sagt Friedrich Idam. „Man sieht wieder Menschen, die man kennt. Nicht Tausende Unbekannte.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2018)