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Das Internet sollte Vergessen lernen

Internet soll Vergessen lernen
(c) Www.bilderbox.com (Erwin Wodicka)
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Private Daten im Internet stehen auch nach Jahrzehnten noch zur Verfügung und können einigen Ärger verursachen. Ein Ablaufdatum für digitale Daten könnte das verhindern.

Das Internet vergisst nicht, sagt man. Damit hat sich eigentlich ein alter Traum der Menschheit erfüllt, der des "perfekten Gedächtnisses". Dennoch gerät die weltweite Datensammlung immer wieder in die Kritik. Egal, ob es um private Fotos geht, die bei der späteren Karriere hinderlich sind, oder etwa die Anleitung zum Privatflieger des US-Präsidenten, der Air Force One, die unabsichtlich ins Internet gelangt. Harvard-Professor Viktor Mayer-Schönberger ist dafür, dass solche Daten beizeiten auch wieder verschwinden.

Auf einer Veranstaltung der Wirtschaftskammer und der Erste Bank in Wien erklärte der gebürtige Österreicher, wie man durch "digitales Vergessen" viele Datenhoppalas vermeiden könnte. Vergessen sei ein biologischer Automatismus, eine wichtige Funktion, mit der Vergangenheit umzugehen, meinte der Internet-Experte. Das Erinnern hingegen eher die Ausnahme. Im digitalen Zeitalter habe sich dieses Verhältnis umgekehrt. Google weiß weit mehr über uns, als wir selbst, meint Mayer-Schönberger - ein Umstand der einige unangenehme Begleiterscheinungen hat.

An der Grenze gegoogelt - keine Einreise


"Alles was wir jetzt im Netz tun, kann uns auch noch in Jahren vorgehalten werden", erklärte Mayer-Schönberger. Als Beispiel dient die Lehrerin Stacey Snyder, die aufgrund eines alten MySpace-Fotos, auf dem sie offensichtlich betrunken zu sehen ist, ihren Job nicht antreten darf. Noch plakativer der Fall des Psychotherapeuten Andrew Feldmer, dem 2006 die Einreise in die USA auf Lebenszeit verweigert wurde. Schuld war ein wissenschaftlicher Artikel, in dem er zugab, in den 60er-Jahren LSD genommen zu haben. Der Grenzbeamte googelte Feldmers Namen, stieß auf den alten Artikel.

 

Buchtip

Viktor Mayer-Schönberger, Delete: The Virtue of Forgetting in the Digital Age, Princeton Press, 2009

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Möglichkeiten, solche Fälle zu verhindern, gibt es laut Mayer-Schönberger genügend. Man könnte strenge Datenschutzgesetze einführen. In der Praxis würden diese jedoch nur selten von Betroffenen eingefordert, weiß der Experte. Auch die "digitale Enthaltsamkeit" hält er für unrealistisch. So empfehle etwa US-Präsident Obama an Communities wie Facebook einfach nicht teilzunehmen - in der Realität stellen jedoch zwei von drei Jugendlichen in den USA Informationen über sich ins Internet.


Zu faul für Datenschutz

Mayer-Schönberger schlägt ein Ablaufdatum für digitale Daten vor. Fotos, Dokumente, Blogeinträge - alle Informationen im Internet und auch auf der Festplatte sollen sich nach einem bestimmten Zeitraum selbst zerstören. Der Zeitraum soll vom jeweiligen Inhaber der Daten festgelegt werden und könne - etwa im Fall von Urlaubsfotos - auch hunderte Jahre betragen. Internet-Startup-Guru Markus Wagner, sieht darin auch keine Patentlösung, da es ein aktives Handeln der Nutzer erfordern würde. Die Praxis zeige allerdings, dass sich die meisten Anwender nicht einmal mit den Datenschutz-Einstellungen von Facebook auseinandersetzen wollen. Die meisten Nutzer seien schlichtweg zu faul. Zudem hätte ein Ablaufdatum etwa im Fall von Andrew Feldmer recht wenig geholfen. Schließlich hätte der Psychotherapeut wohl kaum einen wissenschaftlichen Artikel für ein Fachjournal geschrieben, der sich nach wenigen Jahren sebst vernichtet.

Einig sind sich die beiden Experten darüber, dass Eigenverantwortung beim Umgang mit Daten im Internet am wichtigsten ist. Wagner sieht in der frühen Aufklärung über Auswirkungen von privaten Daten im Internet, eine der wichtigsten Aufgaben. Mayer-Schönberger ist außerdem der Ansicht, dass die Verwaltung privater Daten einfacher werden muss - die Einstellungen auf Facebook etwa, seien viel zu kompliziert und undurchsichtig. Abschließend wies der Experte auf einige Internet-Dienste hin, die das "digitale Vergessen" bereits in die Tat umsetzen. Auf Drop.io kann man Fotos mit einem Ablaufdatum versehen und bei der Suchmaschine Ask.com ist es möglich, die eigene Suchgeschichte zu löschen. Google hingegen erinnert sich an jede einzelne Abfrage, die seit der Gründung der Suchmaschine 1998  getätigt wurde.