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Das neue Leben des Waffenkäufers von Kim Il-sung

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(c) REUTERS (KIM KYUNG-HOON)
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"Emil" war ein Vertrauter des Diktatoren-Clans. Bis er nach Österreich floh. Sein abenteuerliches Leben haben „Kurier“-Journalistin Ingrid Steiner-Gashi und ihr Mann Dardan Gashi in einem Buch nachgezeichnet

WIEN.„Als Pensionist hätten sie mich gezwungen, Straßen zu fegen, Alteisen zu sammeln, Parteiversammlungen zu besuchen. Ich hätte keine Freiheit gehabt. Nur Kontrolle, jede Minute meines Tages.“ Wenn Kim Jong-ryul die Gründe für seine Flucht aus Nordkorea aufzählt, spricht er die Wörter langsam aus, so, als ob er jedes einzelne noch einmal genau überprüfen müsste. Kerzengerade sitzt der 75-Jährige während des Gesprächs mit der „Presse“ da. Die Körperhaltung, die ordentlich zurückgekämmten grauen Haare, das perfekt gebügelte Hemd: Alles vermittelt eiserne Disziplin. Kim Jong-ryul ist Ingenieur. Und er war Oberst der Personenschutzeinheit von Diktator Kim Jong-il.

 

Eine waghalsige Flucht

Sein abenteuerliches Leben haben „Kurier“-Journalistin Ingrid Steiner-Gashi und ihr Mann Dardan Gashi in einem Buch nachgezeichnet: die Kindheit, geprägt von Hunger, Besatzung, Krieg. Den steilen Aufstieg des ehrgeizigen Mannes, das Studium in der DDR, die Karriere in der KP. Die Krönung: ein Posten, von dem die meisten Nordkoreaner nicht zu träumen wagen.

Über 20 Jahre lang kauft der Oberst für das Regime im deutschsprachigen Raum ein, erwirbt Bespitzelungstechnologie, Waffen, ganze Maschinenfabriken. Und Seidentapeten, Fliesen, Teppiche für die Diktatorenvillen. Geschäfte, an denen auch österreichische Firmen gut verdient haben, trotz des Embargos für Waffen und Sicherheitstechnik.

Die Drehscheibe des lukrativen Handels sei das neutrale Wien gewesen, dokumentiert das Buch: Die nordkoreanische Botschaft habe sogar zeitweise Konten bei der Creditanstalt (CA) eröffnet. Für großzügiges Schmiergeld hätten Beamte bereitwillig weggeschaut, wenn wieder einmal ein verdächtiges nordkoreanisches Paket die Grenze passierte.

Kim Jong-ryul führt seine Aufträge penibel durch. Kim Il-sung sowie dessen Sohn und Nachfolger Kim Jong-il vertrauen „Emil“, so sein Spitzname aus DDR-Zeiten. Geschätzt wird sein Fachwissen, sein makelloses Deutsch, die Treue. Keiner ahnt, dass ausgerechnet in ihm der Widerwille gegen das Regime täglich wächst. „Ich wollte in dieser Diktatur nicht mehr leben“, sagt er heute.

Im Oktober 1994 wagt er den großen Schritt. Mit einer Ausrede entfernt „Emil“ sich von seiner Einheit in Bratislava. Er steigt in einen Zug nach Österreich und taucht mithilfe von Geschäftsfreunden unter. „Mir war voll bewusst, was ich tat. Ich rechnete mit dem Tod, denn ich wusste zu viel“, erinnert sich der Oberst. Er hatte Glück. Raubmord – Kim hatte viel Geld dabei – galt bald als offizieller Grund für sein Verschwinden. Nach langer Suche gaben die aus Nordkorea eingeflogenen Agenten auf. Etwas mehr als ein Jahr später wird der Oberst offiziell für tot erklärt. Er wird als Held in Ehren gehalten.

 

Ein Leben im Untergrund

„Emil“ zieht in ein kleines österreichisches Dorf. Ein neues Leben beginnt: das Leben eines Unsichtbaren. „Jeder Tag war ein Kampf. Da ich den Kontakt mit der Polizei vermeiden musste, durfte mir kein Unfall passieren. Ich machte immer drei Rundgänge, bevor ich die Wohnung verließ; kontrollierte den Herd, alle Schalter“, schildert er der „Presse“. Ein österreichischer Führerschein, den er während eines früheren Aufenthaltes heimlich gemacht hat, ist sein einziger Ausweis. Er lebt sparsam, zurückgezogen. Die Präsenz des stillen, höflichen Asiaten wird im Ort problemlos akzeptiert. „Manche glaubten, ich sei Japaner, andere hielten mich für einen Chinesen.“

Kim Jong-ryuls Tage sind streng strukturiert. „Ich habe nicht viel an daheim gedacht. Ich hatte keine Zeit dazu“, sagt er fast ein wenig trotzig. Er macht Sport, kümmert sich um den Haushalt – und saugt alle Informationen über Nordkorea auf: liest Zeitungen, hört Radio, sieht fern. „Erst nach meiner Flucht habe ich erfahren, wie verbrecherisch das Regime ist“, seufzt er. „Das Volk hat keine Ahnung.“ Ob mit der Armut nicht auch der Zweifel an der Diktatur wachse? „Die meisten Nordkoreaner glauben, Amerika sei schuld. Schon Dreijährige müssen rufen: nieder mit dem amerikanischen Imperialismus.“

Freilich gebe es skeptische, gebildete Nordkoreaner, so wie er einer war. „Aber die haben Angst.“ Falls jemand Kritik äußert, wird die ganze Familie bestraft. Gulags drohen, oder der Tod. „Ganze Dörfer wurden in Strafaktionen vernichtet.“ „Emil“ erhebt zum ersten Mal leicht die Stimme. „Diese Leute müssen verjagt werden!“

 

„Das ist mein letzter Schrei“

Der Ex-Agent weiß, was er mit der Veröffentlichung seiner Geschichte riskiert: „Die Nordkoreaner werden aktiv werden“, sagt er. Er klingt müde. Ihm ist klar, dass er seine Familie gefährdet. Seine Frau, seinen Sohn, seine Tochter, seine Enkelkinder. Er bereut den Schritt nicht. „Was hat man davon, wenn man im Untergrund stirbt, habe ich mich gefragt. Wenn ich schon als Verräter gelte, will ich auspacken. Mein Leben erzählen, alles sagen, was ich weiß. Das ist mein letzter Schrei.“

AUF EINEN BLICK

Ingrid Steiner-Gashi und Dardan Gashi beschreiben in ihrem Buch das abenteuerliche Leben von Kim Jong-ryul. Der Exvertraute der nordkoreanischen Diktatoren lebt seit 1994 in Österreich im Untergrund.
Im Dienst des Diktators. Leben und Flucht eines nordkoreanischen Agenten. Verlag Carl Ueberreuter, 19,95 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2010)