Der Tiroler Aufdecker Markus Wilhelm veröffentlicht E-Mails, die zeigen, wie sehr der neue Chefredakteur Matthias Schrom schon 2007 im ORF etwas werden wollte und dafür "Vitamin B" suchte. Der ORF will "elf Jahre alte Mails unter Freunden nicht kommentieren".
Update: Der Text wurde um eine Stellungnahme des ORF ergänzt.
Seit Freitagabend steht endgültig fest, wer die Sender ORF eins und 2 leitet. Generaldirektor Alexander Wrabetz verschickte kurz vor 18 Uhr eine Aussendung, in der er die neuen Besetzungen bekannt gab: Lisa Totzauer wird Channelmanagerin von ORFeins, Wolfgang Geier Chefredakteur. Alexander Hofer wird Channelmanager von ORF 2, Matthias Schrom Chefredakteur. Obwohl die offenbar mit der Politik abgesprochenen Besetzungen im Vorfeld für interne Kritik gesorgt haben, weil es Zweifel an der Führungserfahrung so mancher Kandidaten gab, blieben laute kritische Stimmen bis Dienstagnachmittag aus.
Etwas rauherer Wind kommt jetzt aber aus Tirol, dem Geburtsbundesland des neuen ORF2-Chefredakteurs Schrom, der als Wunschkandidat der FPÖ gilt. Der Aufdeckerblogger Markus Wilhelm veröffentlichte Dienstagfrüh auf seiner Webseite dietiwag.org eine Geschichte, die beweisen soll, dass Schrom "seit vielen Jahren alles, aber auch wirklich alles daran setzt, im Unternehmen ganz weit nach oben zu kommen". Das ist kein richtig großer Skandal, aber insgesamt durchaus entlarvend.
Als Beweis dienen mehrere E-Mails von Schrom an den in Tirol vor allem mit der ÖVP bestens vernetzten PR-Unternehmer und Lobbyisten Georg Hofherr aus dem Jahr 2007. Der ORF-ler, der damals Chef vom Dienst bei "Wien heute" war, wollte unbedingt im ORF aufsteigen, so zeigt es der Schriftverkehr. Wohin, war ihm offenbar nicht so wichtig. Er hätte die Stelle des Chefredakteurs des Landesstudios Tirol, die damals ausgeschrieben war, ebenso genommen wie die des ZiB 1-Chefs oder des Ö3-Chefredakteurs. Hofherr, den Schrom in einem E-Mail als "echter Freund" anspricht, sollte für ihn beim damaligen Informationsdirektor Elmar Oberhauser vorsprechen und ein Treffen einfädeln, weil "...dann brauch ich glaub ich etwas Vitamin B.“ Zwischendurch schreibt er, es mache ihn "langsam nervös", dass er nichts vom damaligen Tiroler Landesdirektor Kurt Rammerstorfer höre - und reichlich selbstbewusst: "Mein Konzept war ja wohl kaum so übel." Ein paar Monate später schreibt er, Wrabetz (damals schon ORF-General) mache "derzeit garnix". Dafür glaubte er mit der Wiener Landesdirektorin Brigitte Wolf "noch ne Unterstützerin mehr" zu haben, die seinen Aufstieg befürworte.
Der flehende Ton der E-Mails ist zweifelsohne peinlich. Auch wenn sich elf Jahre später zeigt, dass Schrom der Aufstieg im Jahr 2007 nicht gelungen war und er keinen der angestrebten Posten bekam. 2010 wechselte er in die "Zeit im Bild", wenn auch nur als Innenpolitikredakteur und wurde später zum stellvertretenden Chronik-Ressortchef. Trotzdem sind solche schriftlichen Dokumente ein paar Tage nach der Neubesetzung unangenehm und sorgen für Gerede und Hohn. Noch dazu an jenem Tag, an dem Schrom sich erstmals den Fragen der Redaktion stellte.
Im ORF will man "elf Jahre alte private Mails unter Freunden nicht kommentieren", ist auf Anfrage zu erfahren. "Der Inhalt der Mails sind unverbindliche Überlegungen über Meetings, die jedenfalls nachweisbar keine Auswirkungen auf die darin erwähnten Funktionsbestellungen hatten, und schon gar nicht auf die aktuellen." Und weiter: "Matthias Schrom ist langjähriger journalistischer ORF-Profi, dessen fachliche Qualifikation auch von ORF-Kritikern unbestritten ist."
"Seitenblicke" über Festspiel-Intendant Kuhn
In Wilhelms Beitrag kommt noch ein anderer der neu bestellten Chefs vor: Alexander Hofer, bisher Sendungsverantwortlicher der "Seitenblicke", einer Sendung, in der auch immer wieder Politiker auftauchen, zuletzt gehäuft Vertreter der beiden Regierungsparteien. Wobei es bei den Herren aus der FPÖ stärker auffällt, weil die dort bisher eher selten vor der Kamera zu sehen waren. Hofer wird eine gewisse Nähe zur (vor allem niederösterreichischen) ÖVP nachgesagt.
Wilhelm beanstandet nun einen Bericht über Gustav Kuhn, den Intendanten der Tiroler Festspiele Erl vom 15. Mai. Ihm wurde unter anderem von Wilhelm despotisches und übergriffiges Verhalten vorgeworfen, was Kuhn bestreitet und mit Klage bekämpft. In den "Seitenblicken" kamen diese Vorwürfe kurz vor, in Wahrheit handelte es sich aber um einen Rehabilitierungs-Beitrag, in dem die Vorwürfe als haltlos bezeichnet wurden und Zuspruch für Kuhn von Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer und seinem Anwalt kamen. Wilhelm schreibt dazu: "Sein (Hofers, Anm.) quasi Bewerbungsvideo für höhere Weihen hat er wenige Tage vor der Postenvergabe abgeliefert, in welchem er mich in einem Beitrag vor 668.000 Zusehern vorverurteilen und Gustav Kuhn ebenso glatt vorentlasten hat lassen."
(awa)