Am Herd

So ist das neuerdings

Beide Mädchen haben Freunde. Freunde, die notfalls Pizza vorbeibringen und verstehen, dass eine Mama sich Sorgen macht.

Als Mutter (oder Vater) ist es ja so: Man wird von Jahr zu Jahr ein bisschen arbeitsloser. Am Anfang ist man rund um die Uhr gefordert, trägt Augenringe wie ein Panda und möchte den Notruf tätigen, wenn das Baby zu leise atmet. Aber dann erweisen sich die Kinder als erstaunlich robust, irgendwann schlafen sie durch, können selber den Löffel halten, rennen nicht mehr blindlings davon. Sie lernen, Straßen alleine zu überqueren, mit der U-Bahn zu fahren, Nudeln zu kochen. Mit Sauce. Und wo man früher alle paar Sekunden kontrolliert hat, ob sie nicht von der Rutsche gepurzelt oder im Pool ertrunken sind, vergehen schon einmal 24 Stunden, in denen man nichts von ihnen hört.

Wobei. Nach 24 Stunden fange ich dann an zu zappeln und im Sekundentakt auf Wahlwiederholung zu drücken. „Wo steckst du??!!!“, frage ich Marlene schließlich per Whatsapp: „Melde dich bitte!!!!“ Null Reaktion. Kein Akku? Handy liegen gelassen? Oder doch noch im Pool ertrunken? Da schicke ich Moritz eine Nachricht.

Zwei Minuten später ruft Marlene an.

So ist das neuerdings nämlich. Beide Mädchen haben Freunde. Freunde, die verstehen, dass die Mama sich Sorgen macht, wenn das Kind so tut, als sei es verschollen. Also kein Grund zur Klage. Aber es verändert im Familienleben doch einiges.


Pyjamas. Erstens: Mein Mann und ich haben uns Sommerpyjamas gekauft und tragen sie auch. Man weiß nämlich nie, wem man morgens beim Kaffeekochen über den Weg läuft, vor allem, wenn man so früh schlafen geht wie ich und nicht bemerkt, wer da spätnachts noch vorbeigekommen ist.

Zweitens: Es gibt plötzlich wieder gemeinsame Unternehmungen. Am Feiertag waren wir Fußballspielen. Mein Mann hat sich das gewünscht. Es war sehr heiß. Positiv: Ich habe mich nicht blamiert.

Drittens: Die Unsicherheit, wie viele Leute am Abend beim Essen sitzen werden, hat sich noch einmal erhöht. Manchmal sind wir zu sechst, oft zu fünft, und wenn es nix „Gescheites“ gibt (definiere gescheit), bitten die Mädchen einen ihrer Freunde, Pizza mitzubringen. Dann koche ich nur für zwei.

Viertens: Mein Mann und ich müssen anklopfen. Aber echt.

Und fünftens: Die Freunde machen mich noch arbeitsloser, als ich eh schon bin. Früher haben die Mädchen mich wenigstens als Kranke gebraucht, sie haben nach Mexalen und Liebe verlangt, nach Apfelmus und Streicheleinheiten und wieder im Elternbett geschlafen. Jetzt? Ruft Hannah hustend Lukas an, der kommt mit Taschentüchern angerannt und kocht Hagebuttentee, und wenn ich am Abend nachschauen will, ob es meiner armen schwarzen Katze eh gut geht, werde ich hinausgeschmissen: „Pst“, flüstert Lukas: „Sie schläft!“

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2018)

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