Jetzt aber bitte ein europäisches Facebook

Das Autorenduo Markus Breitenecker und Corinna Milborn.
Das Autorenduo Markus Breitenecker und Corinna Milborn.(c) Pertramer

Die Manager von Österreichs größter Privatsendergruppe haben ein Buch verfasst. Knapp vor der Medienenquete der Regierung legen Markus Breitenecker und Corinna Milborn ihre Ideen für eine Neuordnung der Medienbranche vor.

Müsste Markus Breitenecker ein Lieblingswort bestimmen, er würde vermutlich „Disruption“ wählen. Er nimmt es nicht nur häufig in den Mund, es beschreibt auch gut, was er als Chef von Österreichs größter privater Fernsehgruppe ProSiebenSat.1Puls 4 mit Leib und Seele tut: die Branche und den öffentlich-rechtlichen Konkurrenten ORF aufrütteln, ja, und auch stören, um auf die Schieflagen in Österreichs Mediensystem aufmerksam zu machen.

Nun hat der Senderchef mit Informationsdirektorin und Moderatorin Corinna Milborn ein Buch geschrieben und auch in dem geht es viel um Disruption: in erste Linie um die Mediendisruption aus dem Silicon Valley, die die Branche im vergangenen Jahrzehnt maßgeblich verändert hat. Und um eine sogenannte „Gegen-Disruption“ europäischer Medien darauf, die wieder ein Gleichgewicht herstellen soll. „Change the Game“ liest sich wie der Schlachtplan zur Rückeroberung europäischer Mediensouveränität.

Das Buch kommt nicht zufällig gerade jetzt heraus, wenige Tage vor der lange geplanten Medienenquete der Bundesregierung am 7. und 8. Juni. Auch wenn die Autoren es nicht als „Lobbying-Schrift im Sinne des Privatfernsehens“ sehen, wirkt es wie ein für die Enquete verfasster und professionell verpackter Ideenkatalog; manche Forderung deckt sich mit jenen des Privatsenderverbandes VÖP. Das Buch des Puls4-Autorenduos wirkt jedenfalls frischer als der schon vergangene Woche vom ORF präsentierte Band „Public Open Space“, in dem 55 ausschließlich wissenschaftliche Beiträge zur Zukunft der Medien gesammelt wurden. Manche davon sind nicht mehr ganz taufrisch oder wurden nicht eigens für den Band verfasst, sondern nur aus der Schublade geholt.

Trotzdem ist vieles von dem, was in „Change the Game“ in zwölf Kapiteln und auf 330 Seiten zusammengetragen wurde, nicht neu, hat man so oder so ähnlich schon einmal gelesen oder (auch aus Breiteneckers Mund) gehört. Aber es ist eine kompakte Zusammenfassung der aktuellen Medienkrise mit dem Fokus auf die Diskrepanz zwischen den „neuen Herrschern der Welt“ (Facebook, Google und Co.), die eigentlich Medienunternehmen sind, aber keine sein wollen und sich daher nicht an Gesetze halten. Und den klassischen Medienhäusern, die sich an die Dienste der Riesen gewöhnt haben und nun in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihnen stehen. Milborn und Breitenecker schildern Erlebnisse von ihren Besuchen im Silicon Valley und von Gesprächen mit Experten. Sie weisen auf die Probleme hin, die sich im Umgang mit diesen Plattformen ergeben, für andere Medien, auch für uns Nutzer. Und sie üben Selbstkritik: Europas Politik und Medien hätten geglaubt, die digitalen Medien aus dem Silicon Valley würden sich auf das alte europäische Spielfeld begeben und nach ihren Regeln spielen. Weit gefehlt.


Allianzen bilden. Eines der Kapitel heißt denn auch „Disrupt the Disrupters“ – und wiederholt Breiteneckers schon oft formulierte Aufforderung an alle Medien Europas, sich zusammenzuschließen, Allianzen zu bilden und ein europäisches Facebook, Google oder YouTube zu entwickeln. Finanzieren sollen das sowohl die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten als auch die Privaten. Das wäre für die Autoren auch der erste Schritt zu einem neuen Selbstverständnis des öffentlich-rechtlichen Mediums, das im letzten Kapitel des Buches gefordert wird.

Dass es sich bei „Change the Game“ natürlich um ein Positionspapier eines Medienmanagers mit bestimmten Interessen handelt, zeigen nicht zuletzt das letzte Kapitel mit Ideen für einen „neuen öffentlich-rechtlichen Auftrag“ und die „Zwölf Thesen für eine neue europäische Medienordnung“ im Anhang. Die Autoren wollen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk keinesfalls abschaffen, ihn aber ordentlich umgestalten und auf das digitale Zeitalter abstimmen. Das bedeutet, dass künftig alle Sender alles machen dürfen sollen, der ORF aber auf weniger Kanälen nur mehr „Public Value“-Programm. Das Gebührengeld soll nach Qualitätskriterien verteilt werden – und zwar an jeden, der Qualität liefert, egal ob privat oder öffentlich-rechtlich.

Egal, was bei der Enquete Ende der Woche herauskommt, Breitenecker und Milborn können sicher sein, dass ihr Buch von der Branche so genau studiert werden wird wie selten sonst.

Das Buch

„Change the Game – Wir wir uns das Netz von Facebook und Google zurückerobern“
Brandstätter Verlag
328 Seiten, 25 Euro

Termin: Das Buch wird morgen, Montag, um 18 Uhr im Thalia in der Wiener Mariahilfer Straße von beiden Autoren präsentiert.