"Arschbar"-Künstler: "Ich verstehe die Aufregung nicht"

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Die „Presse“ traf einen Tag vor der Eröffnung den Künstler Joep van Lieshout zum Gespräch. Kaffee gab es noch keinen in seiner begehbaren, mit braunen Sitzsäcken und orangefarbenem Tresen ausgestatteten "Bar Rectum“.

Das überdimensionale Modell eines Darms mit Ein- und Ausgang, ein riesiges blaues Spermium stehen im Hof des Museumsquartiers (MQ). Ein weiblicher Torso – die „Bikinibar“ – spreizt ihre Beine vor dem MQ in Richtung der Natur- und Kunsthistorischen Museen. Die „Presse“ traf einen Tag vor der Eröffnung am Donnerstag Abend den Künstler Joep van Lieshout zum Gespräch. Kaffee gab es noch keinen in seiner begehbaren, mit braunen Sitzsäcken und orangefarbenem Tresen ausgestatteten „Bar Rectum“. Und zu kalt war es auch.


Die Arschbar habe ich das erste Mal 2005 auf dem Vorplatz der weltwichtigsten Kunstmesse „Art Basel“ gesehen – war sie ursprünglich als Kommentar zum Kunstmarkt gedacht?

Joep van Lieshout: Nein, ich habe die Bar ursprünglich für die Yokohama Kunstbiennale gemacht. Es sollten eigentlich Toiletten drinnen sein. Aber im Vorfeld wurde mir mitgeteilt, dass das in Japan nicht funktionieren würde, die Leute wären zu verklemmt, um die Klos tatsächlich zu benutzen. Also habe ich eine Bar daraus gemacht. Aber ich habe auch schon einmal ein Riesenorgan mit Fremdenzimmern aufgestellt– alles ist möglich, sogar ein kleiner Swingerclub!

Ach! Waren Sie schon in der Secession? Wenn ja – bei Tag oder bei Nacht?

Van Lieshout: Tagsüber. Ich würde es aber auch nachts einmal ausprobieren, nur vielleicht nicht gerade in der Secession, da könnte ich ja Leute aus der Kunstszene treffen. Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Erst einmal habe ich selbst recht zynisch über die Arbeit gedacht, aber wenn man die Sensation weglässt, ist es eine gute Sache, macht Sinn mit ihrer Beziehung zu Klimt. Und Swingerclubs sind eine Subkultur, die viele interessiert – jeden zweiten Tag hört und sieht man davon im Fernsehen.

Ihnen könnte man ja eher Frauenfeindlichkeit unterstellen als „Unzucht“, wenn man Ihre „Bikini-Bar“ betrachtet, ein riesiger Frauentorso vor dem Museumsquartier, der allerdings nicht begehbar sein darf, sondern als Minimuseum für Ihre Möbelskulpturen dient. Frauentorsi gelten im feministischen Kunstdiskurs als Zeichen männlicher Ausbeutung des Frauenkörpers in der Kunstgeschichte...

Van Lieshout: Nein, das ist nicht antifeministisch gemeint – das war ein Transportproblem, der Körper wäre mit Kopf und Füßen einfach zu groß gewesen!

Das meinen Sie nicht ernst!

Van LIeshout: Also ich habe genauso viele zerschnittene Männerkörper in meinem Werk wie Frauenkörper – aber, es stimmt, nur einen riesigen Frauentorso. Gebt mir einfach ein bisschen Geld, ich mache euch einen Männertorso! Eine große Penisskulptur hätte ich schon...

Eine verstümmelte?

Van Lieshout: Nein (lacht).

Sie haben in Ihrem Werk anatomisch gesehen schon so ziemlich den ganzen Menschen zerlegt. Auf dem Karlsplatz etwa stand voriges Jahr Ihr Wellnesstotenkopf mit Dusche. Die „Arschbar“ erinnert stark an das begehbare Prostatamodell, das seit 2005 zu Aufklärungszwecken durch Europa tourt. War das eine Inspiration?

Van Lieshout: Nein, ich habe (seit 2003, Anm.) eben auch schon ganz andere Organe gemacht, ein Gebärmutterhaus zum Beispiel. Was mich an der „Arschbar“ speziell interessiert hat, ist, dass sie zwei Dinge vereint – das auf den ersten Blick ekelhafte System, Kunst kommt mir ja manchmal selbst vor wie ein Exkrement, wenn eine Arbeit fertig ist, wird sie nicht mehr angegriffen (Anm. im Museum), und wenn, nur mit Handschuhen. Und zweitens steht die „Arschbar“ noch für das Verdauen selbst, für das Konsumieren, den Konsum, sie ist sozusagen eine Mikroversion unserer Gesellschaft.

Und das ebenfalls begehbare blaue „Darwin“-Spermium, an und unter dem viele Männchen kleben, steht wofür genau?

Van Lieshout: Es bezieht sich auf den Darwinismus, das Survival of the Fittest. Schon aus den Millionen Spermien einer Ejakulation wird nur eines zu einem Menschen, der Rest ist sozusagen vergeudet. An der Selektion gibt es immer etwas Gutes und etwas Schlechtes. Das Gute zum Beispiel ist die Entwicklung, das Schlechte die davon abgeleiteten Theorien der Nazis. Die Organe sind aber immer auch Statements über Design, Architektur und Kunst. Ich wollte die Form von der Funktion trennen, von dem, was heute üblich ist. Und fragen – warum haben wir, haben die Organe die Form, die sie haben? Wurden sie von der Evolution bestimmt oder gestaltet?

Und, glauben Sie an „intelligentes Design“?

Van Lieshout: Ich denke, darauf gibt es keine Antwort. Aber wenn es einen Gott gibt, wer hat dann ihn gestaltet?

Sie haben selbst einmal versucht, eine neue Welt, eine autarke Gesellschaft für 1000 Personen zu schaffen, den Atelier-van-Lieshout-Freistaat (AVL Ville) 2001 in Rotterdam. Das Experiment – mit Biogasanlage, Kompostklos, eigener Brauerei – scheiterte nach kurzer Zeit an den Behördenauflagen. Aus diesem Erlebnis sind wohl die Antiutopien wie Ihre eher kafkaesken Installationen im MAK (Der Technokrat) oder im Folkwang Museum 2008 (Stadt der Sklaven) zu erklären.

Van Lieshout: Bei mir wird immer Gut und Schlecht, Utopie und Antiutopie vereint. In der Stadt der Sklaven etwa gab es viel Kultur, Bioenergie und Organspender. Es beschrieb einen grünen Hyperkapitalismus, der trotz alles Guten nur dazu diente, viele Menschen zu beseitigen, um viel Geld damit zu machen.

Ein Mahnmal für unsere Gesellschaft haben Sie gerade in Rotterdam aufgestellt.

Van Lieshout: Ja, Kaskaden von Ölfässern, die gerade herabzustürzen scheinen. Auf ihnen krabbeln Menschen wie Öltropfen hinauf und rutschen wieder herunter. Die Arbeit wurde übrigens von der Wiener Pestsäule inspiriert.

Eröffnungen im MQ

Heute, Donnerstag, ist Großvernissageabend im MQ: Neben Lieshouts Riesenorganen im Hof (ein Mumok-Projekt, ab 17.30h) werden im Mumok selbst „Changing Channel“ und Direktor Köbs Ankäufe der letzten acht Jahre eröffnet (19h). In der Kunsthalle eröffnet anschließend (20h) „Lebt und arbeitet in Wien, Teil 3“.

Ob die „Bar Rectum“ (Abb.) täglich in Betrieb gehen kann, ist behördlich noch nicht entschieden. Jedenfalls wird sie von einem eigenen Kunstprogramm bespielt, startend am 12.3. mit einer Filminstallation. [APA/Neubauer]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2010)

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