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Ein Blick durch die Zukunftsbrille

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Wozu noch Handy oder Tablet, wenn man den Computer auf der Nase tragen kann? Augmented Reality Brillen machen die Hände frei und schicken sich an, die Business-Welt zu erobern.

Die Montage der Sitzreihen in einer Flugzeug-Kabine verlangt Präzision. Die Markierungen, um die Befestigungsschienen anzubringen, müssen millimetergenau passen. Ein fehlerbehafteter und vor allem zeitaufwendiger Prozess. Wie man diesen effizienter gestalten kann, hat man sich vor ein paar Jahren beim Flugzeughersteller Airbus überlegt. Die Lösung: Augmented Reality. Seit 2015 tragen Airbus-Techniker bei der Endmontage Brillen, die sie beim präzisen Positionieren der Kabineninstallation unterstützen. Mit einer eingebauten Kamera scannt die Brille Barcodes, um die maßgeschneiderten Planskizzen aufzurufen. Ein Bild, das interaktiv ins Sichtfeld des Monteurs eingeblendet wird, zeigt die exakte Einbaustelle an. Erledigt werden vom integrierten Minicomputer auch gleich Umrechnungen zwischen englischen und metrischen Maßen. Ist die richtige Stelle gefunden und markiert, prüft die mit Sprachkommandos steuerbare Brille durch Vergleich mit der Computerskizze die Position und erteilt die Freigabe für die Montage.

Erweitert, virtuell und gemischt – Durchblick im Begriffedschungel

Augmented Reality (AR) Brillen

Die „echte“ Realität, sprich die menschliche Sinneswahrnehmung mit den Augen, wird erweitert, indem digitale Daten in Echtzeit in das reale Sichtfeld projiziert werden. Das macht vor allem dort Sinn, wo die reale Welt noch sichtbar sein soll und zusätzliche Informationen von Nutzen sein können – also zum Beispiel bei Arbeitsprozessen, die mit Hilfe von eingeblendeten virtuellen Informationen einfacher und effizienter zu durchlaufen sind.

Virtual Reality (VR) Brillen

In der virtuellen Realität setzt der Benutzer eine Brille auf und das normale Sichtfeld wird komplett durch eine künstliche 3D Umgebung ersetzt. Die reale Welt hat hier keinen Platz. Wahrnehmungen aus der Umwelt werden nicht mit einbezogen. Der Betrachter taucht in ein komplett neues, computergeneriertes Universum ein. Anwendungsfelder außerhalb des Entertainmentbereichs finden sich unter anderem in der Industrie (z. B. gefahrloses Training an virtuellen Maschinenabbildern), im Marketing (3D-Darstellung von Produkten), in der Bildung (Vermittlung von Lerninhalten) oder in der medizinischen Therapie (z.B. Therapie von posttraumatischen Belastungsstörungen, Phobien oder Phantomschmerzen).

Mixed Reality (MR) Brillen

In der Mixed Reality werden echte und virtuell generierte Realität vermischt. Im Unterschied zu Virtual Reality Brillen ist also die reale Welt vorhanden. Was die Mixed Reality von der Augmented Reality im engeren Sinne unterscheidet, ist, dass Objekte und Subjekte der realen und virtuellen Welt auch miteinander interagieren können. Die Abgrenzung zu AR-Brillen ist ansonsten fließend: Bei AR ergänzt das künstlich Hinzugefügte die reale Wahrnehmung, bei MR dominieren die virtuellen Inhalte das Reale.

„Was früher eine Stunde gedauert hat, braucht jetzt gerade einmal zehn Minuten. Die Fehlerquote wurde praktisch auf Null reduziert“, so Benoit Rollin, 2015 Head of Manufacturing Engineering in der A330-Kabinenausstattung bei Airbus. Zudem verkürzen sich Trainingseinheiten bei neuen Mitarbeitern, weil das Durchforsten von Bedienungsanleitungen nicht mehr notwendig ist. Die Informationen werden via Datenbrille bei der Arbeit gleich in Echtzeit geliefert. Mittlerweile wird das smarte Gerät auch in anderen Programmen von Airbus genutzt, etwa um die Digitalisierung im Werkstättenbereich voranzutreiben.

(c) Airbus S.A.S.F.

Der Pionier scheiterte im ersten Anlauf.

Obwohl die Geschichte der Augmented Reality bis ins Jahr 1968 zurückgeht , war es Google Glass vorbehalten, eine breite Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren. Der Konzern wollte eine kamerabestückte Datenbrille als Massenartikel unters Volk bringen, scheiterte mit seinem Fokus auf den Endkonsumenten jedoch im Jahr 2015. Google hat daraus seine Lehren gezogen. Die neue Version „Glass Enterprise Edition“, die seit August 2017 am Markt ist, wurde – wie der Name bereits verrät – ausschließlich für Business-Kunden konzipiert. „Mehr als 50 Unternehmen haben die neue Brillengeneration bereits getestet oder damit Pilotprojekte realisiert. Die Palette der Branchen reicht von der Flugzeugindustrie bis zur Medizin“, sagt Jay Kothari, Project Lead, Glass.

Die Palette der Branchen reicht von der Flugzeugindustrie bis zur Medizin.

Jay Kothari, Project Lead Glass, bei X

 

Inzwischen ist Google freilich längst nicht mehr der einzige Entwickler von Augmented Reality Brillen, der vor allem das B2B-Segment im Auge hat. Zu den Vorreitern in einer erwachenden Branche, die derzeit von rund einem Dutzend ernstzunehmender Mitbewerber geprägt ist, zählt vor allem das 1997 gegründete New Yorker Unternehmen Vuzix, dessen Brillen etwa seit 2015 bei der Montage bei Airbus im Einsatz sind. Beim neuesten Modell M3000 verspricht sich der Hersteller vor allem vom integrierten Android System einen Wettbewerbsvorteil. Ins Treffen geführt wird die einfache Kompatibilität mit den Tausenden bereits existierender Android Anwendungen und der Umstand, Apps entwickeln zu können, ohne dass dafür zusätzliche Hardware nötig wäre.

Experimentierfreude im jungen Segment.

Wie innovativ die Suche nach einer immer intelligenteren Brille von statten geht, zeigt die HoloLens von Microsoft: einer holographischen Variante. „Die HoloLens nimmt den Raum, in dem man sich befindet, automatisch wahr. Dadurch können die Informationen und Objekte direkt im realen Sichtfeld des Trägers angezeigt werden, während andere AR-Brillen die Objekte nur im Display darstellen“, erklärt Norbert Lukic, Leitung Vertrieb bei HCV Data Management, verantwortlich für den Verkauf in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Interessant sei auch die Gestiksteuerung, bei der sich mit bestimmten Handbewegungen Objekte drehen oder heranzoomen lassen.

(c) iStock

Augmented Reality in Wien Simmering.

Zum Einsatz kommt die HoloLens hierzulande beispielsweise im Anlagenservice des Unternehmens Wien Energie. Dort nutzen seit wenigen Monaten Techniker vor Ort die eingespielten Echtzeitdaten einer bestimmten Anlage zur Einschätzung der Lage. Bei Bedarf rufen sie Anleitungen für ihre Tätigkeiten ab, etwa fürs Wechseln eines Filters oder Details zum Aufbau einer Maschine, oder ziehen externe Spezialisten per Videotelefonat zu Rate, die durch die Brille genau das sehen, was der Wartungstechniker vor sich hat. Die Navigationsfunktion erlaubt zudem das Auffinden des Weges zum Einsatzort anhand virtuell in der Luft schwebender Markierungen. „Der Einsatz von Augmented Reality im Biomassekraftwerk Simmering war der erste Schritt, um die neue Technologie auf ihre praktische Anwendbarkeit zu testen. Das positive Feedback aller Beteiligten öffnet jetzt neue Chancen am Weg zu digitalen Kraftwerken und weiteren Industrie 4.0 Projekten“, meint Karl Gruber, Wien-Energie-Geschäftsführer.

Der Einsatz von Augmented Reality Brillen öffnet neue Chancen am Weg zu digitalen Kraftwerken.

Karl Gruber, Wien-Energie-Geschäftsführer

Informationen auf die Netzhaut projizieren.

Auch der Chip-Konzern Intel setzt auf Innovatives. Präsentiert wurde kürzlich das Projekt einer Brille namens Vaunt, die Informationen nicht auf das Brillenglas, sondern direkt auf die Netzhaut projiziert. Als Bildquelle dient eine Laserdiode. Neu ist auch die Integration eines Sensors, der Kopfbewegungen erkennt. Laut Intel-Ingenieuren lassen sich zum Beispiel eingehende Nachrichten mit einem Nicken nach rechts lesen und einem Nicken nach links löschen. Vom globigem Design hält Intel scheinbar nichts. Im Unterschied zur Konkurrenz setzt man auf ein Gerät, das einer normalen Brille täuschend ähnlich sieht und anderen Personen nicht zu erkennen gibt, ob der Brillenträger gerade Informationen zugespielt bekommt. 

Die Marktforscher von Global Industry Analysts (GIA) prophezeien für das Jahr 2024 eine Marktgröße von weltweit 28 Millionen verkauften Smartglasses. Die laut GIA aktuell wichtigste Innovation auf dem Weg zur Unternehmensmobilität hat die angekündigte Entwicklung vor allem dem Paradigmenwechsel vom Endkonsumentenprodukt hin zum Business-Tool zu verdanken – eine Erkenntnis wie aus dem Google-Lehrbuch.