Schwedens erste Mobilmachung seit 1975

Reservisten vor dem Stockholmer Königspalast
Reservisten vor dem Stockholmer KönigspalastREUTERS

Am Nationalfeiertag 6. Juni wurden überraschend neben Teilen der stehenden Streitkräfte alle 22.000 Mann der Heimwehr landesweit aktiviert. Hintergrund dürften auch die anhaltenden Spannungen mit Russland sein.

Vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen Russland und dem Westen hat Schweden an seinem Nationalfeiertag, dem 6. Juni, die umfangreichsten Manöver seit Jahrzehnten angesetzt. Für die landesweiten Übungen wurden neben Teilen der stehenden Streitkräfte (gesamt rund 20.000 Mann) vor allem alle 40 Infanteriebataillone der "Heimwehr" in Stärke von total etwa 22.000 Mann mobil gemacht.

Es sollten Aufklärungs-, Verteidigungs- und Logistikaufgaben trainiert werden, vorwiegend auf dem Festland, hieß es. Ziel der Manöver sei es, Schwedens Verteidigungsbereitschaft zu stärken und die operativen Fähigkeiten zu verbessern, sagte der Oberste Befehlshaber, General Micael Byden.

Der Hauptzweck des Manövers war bzw. ist aber wohl die Funktionsfähigkeit des Mobilmachungsapparates an sich: Die Reservisten der Heimwehr seien "entscheidend" für die Verteidigung des Landes, sagte Byden, wobei es hieß, dass deren Mobilmachung unangekündigt erfolgt sei. Zumindest die Heimwehrmannschaften mussten also teils schon in der Nacht auf Mittwoch alles liegen und stehen lassen, ihre zuhause gelagerte Ausrüstung packen und in die Kasernen einrücken.

Es war überhaupt die erste Übung dieser Art seit 1975, bei der alle Reserven aktiviert wurden. Man sah letztlich den ganzen Mittwoch über bewaffnete Reservisten in Ortschaften, (Flug)Häfen und an Straßen patrouillieren sowie vorbereitete Verteidigungspositionen bemannen.

Erwartet wurde Mob-Grad von mindestens 50 Prozent

Wie hoch der Mobilisierungsgrad letztlich wurde, war indes vorerst nicht klar. Die Militärführung ging von mindestens 50 Prozent aus, also etwa 11.000 einrückenden Reservisten.
 
Im April hatte das skandinavische Land mit einer Broschüre für Aufsehen gesorgt, in der die Regierung die Bevölkerung auf einen möglichen Kriegsfall vorbereitet. In dem Papier mit dem Titel "Falls eine Krise oder ein Krieg kommt" wurde etwa erläutert, wie Lebensmittelvorräte anzulegen sind. Es ist die erste Broschüre dieser Art seit 1961.

Schweden hat keine gemeinsame Grenze mit Russland und ist auch nicht Mitglied der Nato, allerdings mit dieser recht eng verbunden. Zu Sowjetzeiten war erwartet worden, dass Kampfflugzeuge des Warschauer Pakts Schwedens Neutralität ignorieren und das Land Richtung Norwegen, Nordsee, Dänemark und Großbritannien durchfliegen würden - Luftschlachten mit der damals starken schwedischen Luftwaffe in Kauf nehmend.

Simulierter Luftangriff auf Stockholm

In den vergangenen Jahren waren die Spannungen zwischen Stockholm und Moskau gestiegen, zuletzt im Zuge der Auseinandersetzungen um den Giftanschlag auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal in Großbritannien, der Russland unterstellt wird. Darüber hinaus warnen die Behörden vor einer Einmischung Moskaus in die für September angesetzte Parlamentswahl in Schweden.

Russische Kampfflugzeuge drangen auch mehrfach in schwedischen Luftraum ein und flogen einmal sogar einen simulierten Raketenangriff auf Stockholm, Gerüchten zufolge sogar mit Kernwaffen. Momentan bahnt sich in Schweden ein Geschäft mit den USA über den Kauf von "Patriot"-Flugabwehrwaffen im Gesamtwert von ein bis drei Milliarden Dollar an.

(AFP/wg)