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Literatur: Der Nobelpreis sitzt gut

(c) AP (Michael Sohn)
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Herta Müller in der Burg: Die Schriftstellerin gibt sich geduckt – und liest Atemberaubendes. Den rätselhaften Romantitel „Atemschaukel“ wollte sie nicht erklären.

Gute Schwätzer sind meist keine guten Schriftsteller und umgekehrt. Daher sind Gespräche mit Autoren meist nur mäßig interessant – selbst wenn sie eine so denkwürdige Lebensgeschichte haben wie jener Gast, der am Mittwoch das Burgtheater beinah bis auf den letzten Platz füllte. Wäre die unter Ceausescu unterdrückte Rumäniendeutsche Herta Müller nicht 2009 mit dem Literaturnobelpreis bedacht worden, hätte ihr Auftritt im Kunstverein Alte Schmiede stattgefunden und nur einige Literaturfreunde angelockt – man kann annehmen, dass die Autorin sich dort auch wohler gefühlt hätte. So aber kamen Massen, als die 56-Jährige aus ihrem jüngsten Roman „Atemschaukel“ las.

Herta Müller gehört sichtlich ebenso wenig wie Jelinek zu jenen, die gerne mit Orden behängt Hof halten. Fast zu verschlucken schien die große dunkle Bühne die kleine, schwarz gekleidete Frau, die linkisch daherkam, als würde sie der Nobelpreis behindern wie ein viel zu weites Gewand. Oder hat das leicht Geduckte mit ihrer Vergangenheit zu tun? Mit den Jahren in Temesvar, wo sie heimlich mit regimekritischen Studenten verbotene Bücher diskutierte, wo ihr untersagt wurde, als Lehrerin zu arbeiten, wo sie ihre Arbeit verlor, weil sie sich weigerte, mit der Securitate zusammenzuarbeiten? Hat es vielleicht auch mit dem Leben ihrer Mutter zu tun, die nie über die Zeit der Zwangsarbeit in einem sowjetischen Lager reden wollte?

Wenn Müller ihren grandiosen Roman sprechen lässt, weiß man jedenfalls: Der Literaturnobelpreis sitzt gut. Allein wie sie die Beziehung des in einem russischen Arbeitslager inhaftierten Ich-Erzählers zu einem Taschentuch erzählt, ist Weltliteratur. „Je größer die Angst, desto mehr beginnen die Dinge zu leben“, sagte sie, als der Leiter des Literarischen Quartiers der Alten Schmiede Kurt Neumann sie nach der Bewandtnis des „Hungerengels“ im Roman fragte. Das Wort stammt, wie so vieles in ihrem Buch, aus Gesprächen mit dem 2006 verstorbenen rumäniendeutschen Schriftsteller Oskar Pastior. Er war wie Müllers Mutter jahrelang im Gulag gefangen. „Der Hungerengel war für Pastior eine reale Person“, sagte Herta Müller. Den rätselhaften Romantitel „Atemschaukel“ wollte sie nicht erklären – sagte aber dann doch etwas: „Als Oskar Pastior an einem Herzstillstand starb, sein Atem gleichsam abgedreht wurde wie ein Lichtschalter, wurde mir dieser Begriff immer wichtiger.“ Und: „Das Wort hat mit Literatur nichts zu tun – es ist ein Fachbegriff.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2010)