Am Herd

Erwachsene, aufgepasst!

Achtung, Spion!
Achtung, Spion!(c) imago stock&people
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Die Kinder spionieren euch auf Facebook hinterher. Keine Jugendsünde, kein lustiger Abend bleibt unbeachtet.

Nein, sie selbst sind natürlich nicht auf Facebook. Dort halten sich doch längst nur mehr die Alten auf – wie mein Mann. Oder wie Katrin, die gerade 26 geworden ist. Facebook, das ist für die Jugendlichen so etwas Ähnliches wie das Festnetztelefon oder die Mailbox. Antiquiert. Und vor allem: Wer braucht so was?

Die 15- bis 25-Jährigen nutzen andere soziale Netzwerke. Auf Twitter folgen sie YouTube-Stars, auf Snapchat verschicken sie Selfies mit Hasenohren und Face-Swaps, auf Instagram posten sie Fotos von Colaflaschen auf der Blumenwiese, bunt beleuchteten Brücken und von sich selbst, wie sie einen Chai Latte trinken, das Gesicht halb abgewandt, dass man sie kaum erkennt.

Dass man sie kaum erkennt, ist wichtig. Die Jugendlichen schützen ihre Privatsphäre nämlich doppelt und dreifach – je jünger, desto emsiger. Marlene ist auf ihrem – natürlich geschützten – Instagram-Account nur mit einem Fantasienamen präsent. Einem sehr passenden, übrigens. Wenn sie jemanden kennenlernt und er ist ihr sehr sympathisch, verrät sie den Namen und er darf ihr folgen. Mit Snapchat ist sie schon heikler. Und ihre Telefonnummer? Die bekommt so bald keiner. Whatsapp ist ihr heilig.

Privatsphäre-Einstellungen. Klar, sie habe am Anfang auch megadumme Sachen gepostet, sagt Marlene. Und im Nachhinein frage sie sich, what the fuck sie sich dabei gedacht habe. Aber sie habe dazugelernt. Die meisten Erwachsenen, finden Marlene und ihre Freunde, sind da zu vertrauensselig. Weiß von denen denn keiner, wo man auf Facebook die Privatsphäre-Einstellungen findet? Halten die das für okay, wenn Wildfremde wissen, wie ihre Kinder ausschauen und in welche Pizzeria sie jeden Montag gehen?

Und selbst wenn sie vorsichtig genug sind, Status-Updates vor der Öffentlichkeit zu verbergen: Dann legen findige 15-Jährige eben einen Fake-Account an und senden eine Freundschaftsanfrage. Die wenigsten Erwachsenen können einer Freundschaftsanfrage widerstehen. Im äußersten Fall gibt es immer noch die Freundesliste. Die ist praktisch nie verborgen und von der aus . . .

Ja, so spionieren die Jugendlichen die Erwachsenen aus. Sie nennen es übrigens „stalken“. Vom Religionslehrer fanden sie so ein Jugendfoto. Es zeigt ihn als Ringer – in einem knallroten Trikot. Von der Native Speakerin, die sie ein halbes Jahr an einen britischen Akzent gewöhnen sollte, wissen sie, dass sie sich nach ihrer Rückkehr mit ihrem Freund verkracht hat und jetzt in einer Hardrock-Band spielt. Klingt wirklich übel, sagt Marlene. Und ihr Klavierlehrer hat derzeit Grippe. Vermutlich fällt der Unterricht aus. Zum Glück bin ich nur auf Twitter.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

www.diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2018)

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