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Wim Wenders: „Heute herrscht überall Chaos“

„Es muss eine moralische Erneuerung geben“, sagt Regisseur Wim Wenders. „Es muss eine Verpflichtung einander gegenüber geben.“
„Es muss eine moralische Erneuerung geben“, sagt Regisseur Wim Wenders. „Es muss eine Verpflichtung einander gegenüber geben.“APA/AFP/ALBERTO PIZZOLI
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Mit dem Porträt „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“, der kommende Woche in die Kinos kommt, zeigt das Kino-Urgestein Wim Wenders das Kirchenoberhaupt von einer sehr persönlichen Seite. Die Begegnung hat manches in seinem Leben verändert.

Es war ein denkwürdiger Tag, als der Brief aus dem Vatikan kam, erzählt Wim Wenders. Ob er sich vorstellen könne, über Papst Franziskus einen Film zu drehen? Für Wenders, selbst gläubiger Christ (allerdings evangelisch), eine einfache Entscheidung. Nach zwei Jahren Vorbereitungszeit traf er sich mehrmals mit dem Oberhaupt der Katholischen Kirche, die Interviews montierte er anschließend mit Bildern von Franziskus' Reisen sowie Spielszenen um sein Namensvorbild, Franz von Assisi, zu einem eindringlichen Porträt eines volksnahen Charismatikers.

Wie lief Ihre erste Begegnung mit dem Papst eigentlich ab?

Wim Wenders: Ich habe mich zwei Jahre lang mit ihm beschäftigt, bevor ich ihm überhaupt die Hand geschüttelt habe. Und der Moment, als er dann zum ersten Mal persönlich dastand, war schon etwas Besonderes. Ohne Entourage oder irgendwen – es ging einfach die Tür auf und er kam allein herein.

Kannte der Papst Ihre Filme?

Nein, er hat überhaupt noch nie einen Film gesehen. Das war auch das Erste, was er mir gesagt hat. Aber Dario Viganò, der (frühere, Anm.) Präfekt der Kommunikationsabteilung des Vatikans, ist Kommunikationswissenschaftler und hat Film studiert, Bücher über Filme geschrieben und auch vor längerer Zeit einen Filmklub geleitet, bei dem ich mal zu Besuch war.

 

Hat sich Franziskus diesen Film auch nicht angeschaut?

Er hat ihn nicht gesehen, nein. Aber er hat mir ausrichten lassen, dass er gehört hätte, dass er sehr schön geworden sei und dass er sich darüber freut. Und dass ich bitte Verständnis dafür haben soll, dass er ihn sich auch nicht ansehen wird.

 

Gab es vonseiten des Vatikans Vorgaben?

Nullkommajosef. Es ist ja keine Produktion des Vatikans, die haben sich, außer das zu initiieren und die Idee in die Welt zu setzen, aus allem rausgehalten – auch aus der Finanzierung.

 

Wie haben Sie den Papst empfunden?

Er ist ein sehr kommunikativer Mensch mit einer großen Menschenfreundlichkeit. Wie er auf die Menschen zugeht und wie er das, was er sagt, in sehr einfache Worte fasst, das ist für mich ein ganz neuer Wind aus dem Vatikan. Und er ist furchtlos. Er hat vor nichts Angst, das sieht man auch, wenn er durch die Welt fährt. Der springt vom Wagen runter und stürzt sich in die Menschenmenge. Man sieht es auch, wenn er vor seiner Kurie über die Krankheiten spricht, die alle Menschen befallen können – auch die hohen Herren, die vor ihm sitzen.

 

Er wirkt auch sehr begeisterungsfähig und ist wohl frei von jedem Zynismus.

Er hat einen großen Optimismus, dass sich alles noch verändern könnte. Dass es noch nicht zu spät ist, dass die Dunkelheit durch das Licht vertrieben werden kann. Heutzutage trifft man wenige Menschen, die einen so anfachen, die einem klarmachen, dass wir fast alle an dieselbe Sache glauben: Wir glauben daran, dass es keine Unterschiede gibt zwischen den Menschen. Das steht in allen unseren Grundgesetzen. Nur wir handeln alle überhaupt nicht danach. Wir handeln so, als ob wir das Recht dazu hätten, dass wir anders sind als die anderen, und darauf, dass es uns besser geht.

 

Denken Sie, dass der Glaube in unserer Zeit wieder wichtiger wird?

Heute herrscht überall Chaos, in dem die Welt auch versinken könnte, und eine moralische Verlotterung der Herrschenden, wie man das noch nie erlebt hat. Nun, vielleicht war es im Mittelalter auch schon mal so. Ich finde es unfassbar, von welchen moralisch unfähigen Menschen diese Welt gerade regiert wird. Und deshalb glaube ich schon, dass es einen Anstoß wie den von Papst Franziskus braucht, der sagt, wir müssen uns darauf besinnen, dass die Menschheit eine Familie ist. Und es muss eine moralische Erneuerung geben. Es muss eine Verpflichtung einander gegenüber geben und nicht noch mehr Ausgrenzung und Ausschließung.

 

Haben Sie nach der Begegnung mit ihm irgendetwas in Ihrem Leben verändert?

Ja, ich bin voll dabei. Ich versuche, mit weniger auszukommen, ich fahre zum Beispiel fast nur noch mit dem Fahrrad. Und wir hatten für den Film ein Budget von 2,5 Millionen Euro, und haben gesagt, wir müssen gerade da beweisen, dass man mit weniger auskommen kann. Also haben wir den Film mit eineinhalb Millionen gedreht, und eine Million ist auf ein Sonderkonto des Papstes für wohltätige Zwecke gegangen. Ich selber habe auch nur für eine symbolische Gage gearbeitet, ich habe für diese fünf Jahre Arbeit so viel bekommen, wie ich normalerweise mit einem Werbespot verdiene.

 

Sie haben diesen Film in Cannes präsentiert, wo Sie schon mehrere Preise gewonnen haben. Mit welchen Gefühlen sind Sie heuer dort angekommen?

Als ich mit dem Auto eingeritten bin, über die Croisette, dachte ich: Das ist ja wie immer. Nur dass es ein bisschen menschlicher geworden ist, kommt mir vor. Ich habe das Gefühl, es geht endlich wieder mehr um Filme. Früher war das ja immer so ein Riesenrummel, so ein Halligalli. Eine Wiederaufführung von „Paris, Texas“ wollte ich schon abbrechen, weil die Musik daneben so viel lauter war als der Film. Was ist denn das für ein Festival, wo Filme von der Disco übertönt werden?

 

Sie haben auch Spike Lee wiedergetroffen. Er hat Ihnen Rassismus vorgeworfen, nachdem „She's Gotta Have It“ 1986, unter Ihnen als Jurypräsident, nicht ausgezeichnet wurde. Gab es ein klärendes Gespräch?

Er ist da nie drüber weggekommen. Ich habe damals für längere Zeit dunkle Seitengassen vermieden. Er hat mir ja angedroht: „Wenn ich dem Wenders in einer dunklen Gasse begegne, steh ich da mit dem Baseball-Schläger!“ Ich habe ihm mal ausrichten lassen, dass ich zwar der Jurypräsident war, dass aber von uns zehn keiner für seinen Film die Hand gehoben hat. Wir hatten in dem Jahr so unfassbar viele gute Filme, und ich traf die Entscheidung ja nicht allein. Das kann er nicht mir anlasten, und dann auch noch mit dem Unterton, dass das daher käme, weil er ein schwarzer Regisseur ist. Das hat mich schon genervt. Und 30 Jahre später sollte der doch endlich mal runterkommen. Ich würde ihn wirklich gern mal in den Arm nehmen und sagen: „Spike, lass uns doch neu anfangen!“

Steckbrief

Wilhelm Ernst Wenders wurde am 14. August 1945 in Düsseldorf geboren.

1971 gründet ergemeinsam mit u.a. Hark Bohm und Hanz W. Geissendörfer den Filmverlag der Autoren und drehte 1972 in Wien die Handke-Adaption „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“.

1982 erhielt er den Goldenen Löwen von Venedig für „Stand der Dinge“, 1984 die Goldene Palme von Cannes für „Paris, Texas“.

Es folgten u. a. „Der Himmel über Berlin“ (1987), „In weiter Ferne, so nah!“ (1993), „Buena Vista Social Club“ (1999) und „Pina“ (2011).

Sein aktueller Film,„Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“, kommt am 14. Juni ins Kino.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2018)