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Abgasmanipulation

Mercedes: Die Biederkeit unter Betrugsverdacht

Mercedes gerät immer tiefer in den Abgasskandal. Nach dem Vito geht es jetzt auch um Modelle der Serie C und GLC.
Mercedes gerät immer tiefer in den Abgasskandal. Nach dem Vito geht es jetzt auch um Modelle der Serie C und GLC.(c) APA/AFP/TOBIAS SCHWARZ
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Mercedes soll in fast 800.000 Autos eine unerlaubte Abschalteinrichtung für die Abgasreinigung verwenden. In Österreich sind es nach heutigem Stand 18.000 Pkw und Transporter.

Wien/Stuttgart. Jetzt soll also auch Mercedes bei den Dieselabgasen manipuliert haben. Ausgerechnet! Der Inbegriff von deutscher Biederkeit, des „Fahrens mit Hut“, auch wenn dieses Vorurteil seit einigen Jahren nicht mehr stimmt und die Marke aus Stuttgart mit attraktiven Modellen mittlerweile beim Absatz den ewigen Konkurrenten BMW überholt hat.

Daimler weist die Vorwürfe der deutschen Regierung und des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) zurück. Dennoch müssen fast 800.000 Autos verpflichtend in die Werkstatt, um mit einer neuen Software ausgestattet zu werden. Für Daimler-Chef Dieter Zetsche, der Mercedes wieder groß gemacht hat, ein bitteres Auslaufen seiner Karriere: Sein Vertrag als Vorstandsvorsitzender endet im kommenden Jahr.

1 Was wird Mercedes genau vorgeworfen?

Bei Daimler geht es nach den bisherigen Ermittlungen nicht um eine Abschaltvorrichtung wie bei Volkswagen, die erkennt, wann das Auto auf einem Prüfstand steht. Nur dann lief bei VW die Abgasreinigung. Bei den Daimler-Fahrzeugen geht es um ein Herunterregeln der Reinigung der Dieselabgase in bestimmten Fahrsituationen.

Ob es auch wieder um das sogenannte Thermofenster geht, ist nicht im Detail bekannt. Mercedes war schon einmal in die Kritik geraten, weil die Abgasreinigung nur über einer bestimmten Temperatur funktionierte. Argumentiert wurde dieses „Thermofenster“, das auch andere Hersteller haben, mit der sonst drohenden Schädigung des Motors. Mercedes erklärte sich freiwillig bereit, die Software der betroffenen Autos zu ändern.

2 Welche und wie viele Fahrzeuge sind betroffen?

Zuerst ging es nur um den Transporter Vito, mittlerweile sind auch Modelle der C-Klasse und des Geländewagens GLC betroffen. Sie sind mit Dieselmotoren der Abgasnorm Euro 6 ausgestattet. Europaweit sind 774.000 Fahrzeuge mit der nach Ansicht der deutschen Behörden unerlaubten Abgasvorrichtung unterwegs. Allein in Deutschland müssen 238.000 Fahrzeuge in die Werkstatt. In Österreich sind es nach heutigem Stand 18.000 Pkw und Transporter. Ein Großteil der von dem Rückruf betroffenen Fahrzeuge war bereits in der freiwilligen Servicemaßnahme eingeplant, so Unternehmenssprecher Bernhard Bauer.
Berichte deutscher Medien, wonach drei Millionen Fahrzeuge unter Manipulationsverdacht stünden, wies Mercedes zurück.

3 Wie rechtfertigt sich Mercedes?

Mercedes ist sich keiner Schuld bewusst und kündigt einen Widerspruch gegen die Rechtsauslegung des KBA an. Notfalls will man die Vorwürfe vor Gericht klären. Unabhängig davon kooperiere man aber mit den Behörden und werde ein Software-Update durchführen.

4G egen welche Hersteller gibt es noch keine Manipulationsvorwürfe?

Polemisch gesagt: Der einzige Hersteller, der vom Verdacht der Abgasmanipulation frei ist, ist der Elektroautobauer Tesla. VW hat Abschaltvorrichtungen verwendet, die auch bei Audi und Porsche (wo die Motoren von Audi verwendet wurden) zum Einsatz kamen.
BMW wird verdächtigt, bei 11.000 Dieselautos der 5er- und 7er-Serie eine falsche Abgassoftware verwendet zu haben. Irrtümlicherweise, wie die Bayern betonen. Es habe keine gezielte Manipulation gegeben.

Fiat Chrysler soll bei Autos der Konzernmarke Jeep und Dodge Ram bei den Dreiliter-Dieselmotoren manipuliert haben. Weil Italien als Zulassungsland in Europa spät bzw. gar nicht reagiert hat, hat die EU Ermittlungen eingeleitet.

In Frankreich ermitteln die Behörden gegen die nationalen Autobauer Renault und Peugeot. Bei Renault sollen schon 1990 „betrügerische Strategien“ zur Senkung der Abgaswerte eingeführt worden sein, hieß es in einem Bericht der französischen Behörden.

Lediglich Opel muss sich derzeit nicht mit Manipulationsvorwürfen auseinandersetzen. Es gab zwar Verdachtsmomente gegen den Autobauer, der mittlerweile zu Peugeot gehört. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat die Ermittlungen aber eingestellt.

5 Worum geht es bei den neuen Vorwürfen gegen Audi?

Bei der VW-Tochterfirma Audi erreicht der Abgasskandal eine neue Dimension. Die Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren gegen Firmenchef Rupert Stadler ein und durchsuchte seine Wohnung. Sie legt ihm und einem namentlich nicht genannten Audi-Vorstandsmitglied „Betrug sowie mittelbare Falschbeurkundung“ zur Last. Die Zahl der Beschuldigten bei Audi ist damit laut Staatsanwaltschaft auf 20 gestiegen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2018)