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Deutschland: Missbrauchsskandal ufert aus

Deutschland Missbrauchsskandal ufert
(c) AP (Jimmy May)
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Nicht nur in kirchlichen, sondern auch in privaten Schulen wurden Kinder und Jugendliche missbraucht.

Wien/Ettal/Regensburg. Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche Deutschlands nimmt immer größere Dimensionen an. Nach den Vorwürfen gegen Patres im Kloster Ettal und den Anschuldigungen gegen Regensburger Domspatzen werden nun auch gegen eine Schule im hessischen Odenwald Vorwürfe laut. Laut „Frankfurter Rundschau“ könnte es in der renommierten Odenwaldschule in Heppenheim bis zu 100 Opfer sexueller Übergriffe geben. Schüler wurden zu „sexuellen Dienstleistungen“ eingeteilt.

Von ähnlich vielen Betroffenen geht die Polizei derzeit auch im Kloster Ettal aus. Dort ermittelt die Staatsanwaltschaft nun auch in einem aktuellen Fall: Ein Klostermitglied soll gestanden haben, Kinderpornos aus dem Internet heruntergeladen und früher Fotos halbnackter Schüler ins Internet gestellt zu haben.
Die Odenwaldschule räumte laut „Frankfurter Rundschau“ den „jahrelangen Missbrauch von Schutzbefohlenen durch Pädagogen“ ein. Schulleiterin Margarita Kaufmann sagte: „Es ist für mich eine Tatsache, dass hier mindestens seit 1971 sexueller Missbrauch stattgefunden hat.“ Vor zehn Jahren sollen erstmals Vorwürfe gegen den ehemaligen Rektor laut geworden sein. Dass man diese nicht verfolgt habe, bezeichnete Kaufmann, seit 2007 im Amt, als „groben Fehler“.

Ehemalige Schüler berichteten, dass sie zu „sexuellen Dienstleistungen“ am Wochenende eingeteilt worden seien. Sie erzählten weiters, dass sie von den Lehrern in der Früh durch das Streicheln der Genitalien geweckt worden seien. Einzelne Pädagogen hätten ihren Gästen Schüler zum sexuellen Missbrauch überlassen. Lehrkräfte hätten Schutzbefohlene geschlagen, mit Drogen und Alkohol versorgt oder beim gemeinschaftlichen Missbrauch eines Mädchens nicht eingegriffen.

Auch aus dem Knabenchor der Regensburger Domspatzen dringen Missbrauchsvorwürfe an die Öffentlichkeit. Zu Beginn der Sechzigerjahre soll es dort ebenfalls in fünf Fällen zu sexuellen Übergriffen gekommen sein. Gegen zwei ehemalige leitende Geistliche gibt es konkrete Vorwürfe, das Bistum Regensburg geht weiteren Hinweisen nach. Auch hier meldeten sich zahlreiche Betroffene und berichteten von Prügelorgien und sexuellem Missbrauch. „Es wurden viele Traumata gesetzt, es war Angst und Schrecken“, sagte ein Münchner Arzt über seine Erfahrungen in den 50er- und 60er-Jahren.
Pikantes Detail: Der Bruder des Papstes, Georg Ratzinger, war ab 1964 Domkapellmeister und damit Chef der Domspatzen. Gegenüber dem Bayerischen Rundfunk erklärte er, ihm seien keine Missbrauchsfälle bekannt.

Sexskandal auch im Vatikan. Auch der Vatikan hat nun seinen Sexskandal: Ein Chorsänger aus dem Petersdom soll männliche Prostituierte vermittelt haben. Zu seinen Klienten gehörte offenbar auch ein hoher Staatsbeamter, der sich als einer der „Gentiluomini di Sua Santità“, der „Ehrenmänner Seiner Heiligkeit“, im direkten Umfeld von Papst Benedikt XVI. bewegte, berichteten italienische Zeitungen – und veröffentlichten Mitschnitte von Telefonaten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2010)