Muss Gehalt transparent, Karriere neu definiert werden? Am Frauentag wird wieder neu über alte Fragen diskutiert. Nur in einem Punkt sind sich alle einig: wenn es um andere Frauen geht – muslimische.
Morgen also ist Frauentag. Oder wäre. Praktisch fällt er nämlich aus. Schuld ist Johanna Dohnal, denn durch ihren Tod wurde der Befund zur Lage vorverlegt. Fürs Ergebnis spielt das freilich keine Rolle, es bleibt seit Jahren gleich und lautet: Ja, es tut sich was, nämlich vor allem – Stichwort Einkommensschere – furchtbar wenig. Und nein, Patentlösungen haben wir noch immer keine.
Denn seit durchgesickert ist, dass Frauenpolitik Politik für alle bedeutet, ist die Lage etwas kompliziert. Wer Gehaltsunterschiede ausgleichen will, muss generell über die Transparenz von Löhnen reden und das Prestige ganzer Branchen überdenken. Und Firmenchefs müssten sich fragen, ob sich eine Topkarriere und eine Work-Life-Balance, die Kinder ernsthaft in Rechnung stellt, für Mütter wie Väter tatsächlich ausschließen sollen. Die Diskussion darüber ist mühsam, die Umsetzung zäh.
Umso auffallender ist daher, wie harmonisch einig sich alle von rechts bis links in einer speziellen Frauenfrage sind. Sobald es nämlich um die anderen Frauen, die Musliminnen. geht. Wäre man boshaft, würde man hier fast einen kollektiven Seufzer der Erleichterung hören: Endlich sind Problem und Lösung fassbar – wortwörtlich. Ein Stück Stoff (oder etwas mehr) auf dem Kopf. Wie einfach. Zu einfach. Tatsächlich sind nämlich schon die Motive hinter dieser gemeinschaftlichen Frauenbefreiung eine trübe Gemengelage. Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen oder die Situation der Musliminnen in Österreich schönzureden (das wäre nicht nur naiv, sondern zynisch, vor allem, wenn man, wie wir in dieser Ausgabe, getestet hat, wie sich der Burka-Alltag anfühlt) – der Verdacht liegt nahe, dass es hier oft gar nicht um die Frauen geht. Stattdessen wird entweder persönliches Unbehagen angesichts eines allzu fremden Gesellschaftsbilds projiziert oder aber das Revier gegenüber dem Islam abgesteckt. So heißt es in der französischen Debatte um das „Burkaverbot“ ganz offen: bis hierher und nicht weiter! Und die „Kopftuchverbot“-Slogans des niederländischen Krawallbruders Geert Wilders? Fußen wohl auch eher nicht auf feministischer Sorge. Vielmehr stecken dahinter, man weiß es ohnehin, sehr reale Probleme bei der Integrationspolitik und, vor allem in Frankreich, die neue Sorge um die Identität.
Dieser Versuch, mittels Sanktionen gegen die zahlenmäßig nicht relevante Vollverschleierung die „Werte der Republik“ zu schützen, illustriert aber auch sehr anschaulich, wie rasch etwas angeblich Simples komplex wird. So wurde in Frankreich einem Muslimen die Staatsbürgerschaft verweigert, weil er sich zur Diskriminierung von Frauen bekannte. Obwohl seine Frau (eine Französin) angab, die Burka freiwillig zu tragen, reichte sein extremes Weltbild zur Verweigerung. Zu Recht. Denn für das Privileg der Staatsbürgerschaft darf man hohe Ansprüche stellen und die Orientierung an „den Grundwerten eines europäischen demokratischen Staates und seiner Gesellschaft“ ist auch in Österreich als Voraussetzung festgeschrieben.
Grundrecht bleibt Grundrecht? Aber wenn diese Grundwerte, die man mit „Grundrechte“ übersetzen darf, so wichtig für die Staatsidentität sind, müsste man sie auch hochhalten, wenn es um das Recht auf Glaubensfreiheit und Privatsphäre geht. Oder nicht? Wo Verschleierung nötige Identifizierung oder Sicherheit behindert, gibt es sowieso Sanktionen. Für darüber hinausgehende Verbote müsste man aber Zwang zur Verschleierung beweisen. Der, so schätzt die Direktorin der Islamischen Fachschule, bei mehr als der Hälfte gegeben ist. Das ist viel, aber wie soll man die herausfinden? Durchzählen? Oder nimmt man an, die Frauen würden sich ehrlich deklarieren?
Allein das eine Beispiel zeigt: nicht so einfach, die muslimische Frauenfrage. Auch sie ist Teil einer Gesamt-, konkret einer fehlenden Integrationspolitik und nur zu lösen, wenn man sich darum kümmert, was in den Köpfen drin ist statt oben drauf. Das ist mühsam und in der Umsetzung zäh. Aber damit kennen wir uns aus. Nicht nur am Frauentag.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2010)