Wie Tiere denken

Tiere denken
(c) AP (Cary Wolinsky)

Wie nehmen Tiere ihre Umwelt wahr? Brauchen Affen – wie der Mensch – eine Sprache, um z.B. das Gewicht von Dingen einzuschätzen?

Gewicht ist eine Eigenschaft der Dinge, mit der wir tagtäglich konfrontiert sind. Meistens nehmen wir es nur unbewusst wahr, wenn wir etwas aufheben, die Schwere des Gegenstandes automatisch richtig einschätzen und mit dem exakt entsprechenden Kraftaufwand in die Höhe heben, zum Beispiel die volle Kaffeetasse. Nur bei zwei Aspekten wird uns diese Eigenschaft wirklich bewusst: erstens bei unserem eigenen Körpergewicht, wenn wir uns auf die Waage stellen und – leider Gottes in den überwiegenden Fällen – zu viel davon auf der Anzeige lesen müssen. Und zweitens, wenn wir sehr viel Gewicht schleppen müssen, denken Sie nur an Umzugskartons oder den letzten Weihnachtsbaum.

Wie ist das jedoch bei Menschenaffen? Können Menschenaffen Gewicht wahrnehmen? Die Nachwuchswissenschaftlerin Cornelia Schrauf vom Department für Neurobiologie der Universität Wien hat sich mit dieser Thematik in einer Serie von Experimenten auseinandergesetzt.

Bislang galt in der Scientific Community der Kognitionsforschung die Meinung, dass das Verständnis von Gewicht nur dem Menschen vorbehalten sei. Die Sprache sei dafür ein unverzichtbares Muss, und daher ein Gewichtsverständnis bei Affen nicht vorhanden. Immerhin ist Gewicht von außen nicht sichtbar, man muss erst erfühlen, dass ein schwarzer Würfel aus Plastik viel leichter ist als ein gleich aussehender Würfel aus Stein.

In ihrer dreijährigen Forschungsarbeit, die von der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) finanziert wurde, überprüfte Cornelia Schrauf, ob diese These wirklich zutrifft. Am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig unterzog sie Orang-Utans, Bonobos und Gorillas einer Versuchsreihe und fand heraus, dass die menschliche Sprache keine Voraussetzung für die Wahrnehmung von Gewicht ist, sondern machte eine andere interessante Beobachtung: Ausschlaggebend, ob Menschenaffen Gewicht wahrnehmen und ob es für sie eine Rolle spielt, ist der Kontext, in dem das Experiment durchgeführt wird. Auf das Design kommt es also an!

„Ich habe drei verschiedene Experimente mit Menschenaffen und Kindern zwischen drei und vier Jahren durchgeführt“, erzählt Cornelia Schrauf. Beim ersten Versuch mussten fünf Orang-Utans, zwei Gorillas und fünf Bonobos zwölf Zylinder zunächst aufgrund der Farbe und dann aufgrund ihres Gewichts unterscheiden. Reichten die Tiere der Versuchsleiterin die gewünschten Zylinder, zum Beispiel die leichteren oder die weiß gefärbten, wurden die Tiere mit Bananen und Weintrauben belohnt. „Erst nach 36 Tagen haben die Menschenaffen gelernt, mir den richtigen Zylinder für eine Belohnung zu reichen. Das ist eine äußerst lange Lernphase“, sagt die Forscherin. „Bei der Unterscheidung anhand der Farbe waren die Tiere etwas schneller.“ Farbe sieht man eben von außen. Ein weißer Gegenstand ist von einem schwarzen auf einen Blick unterscheidbar. Die Schwere eines Gegenstandes muss hingegen entweder im Geist oder durch Vergleichen mit dem Gewicht eines anderen Gegenstandes eingeschätzt werden.

Beim zweiten Experiment wurden Kinder getestet. Sie mussten lernen, dass nur eines von zwei Gewichten die Balkenwaage neigen kann. Es gab zwei Bedingungen: Bei der einen lief das Experiment physikalisch korrekt ab, das schwerere der beiden Gewichte neigte die Waage, bei der zweiten neigte – physikalisch falsch – das leichte Gewicht die Waage. Drei- und dreieinhalbjährige Kinder lernten beide Zusammenhänge gleich gut, während der falsche Zusammenhang, also dass das leichte Gewicht die Waage bewegt, die Vierjährigen irritierte. „Die kleineren Kinder haben nach Versuch und Irrtum gelernt. Sie haben etwas ausprobiert und beobachtet, was passiert. Die größeren Kinder haben hingegen schon eine Vorstellung von Gewicht und dessen Auswirkung und waren dementsprechend durch die falsche Beziehung verwirrt“, so Cornelia Schrauf, die dieses Experiment gemeinsam mit einer Entwicklungspsychologin entworfen hat. Beim dritten Experiment mussten wieder die Menschenaffen ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. „Sie sollten zeigen, ob sie Gewicht als Information verwenden können.“ Ein Becher wurde dabei mit Bananen gefüllt, während der andere leer blieb. Die Menschenaffen mussten also lernen, dass sich im schwereren Becher Futter befand. Und siehe da, diesen logischen Zusammenhang lernten die Affen im Nu.

Zur Kontrolle ließ sich Schrauf einen Parallelversuch einfallen: Zwei Becher, die gleich schwer waren, wurden jeweils mit einem anderen visuellen Muster versehen. Die beiden Becher unterschieden sich in ihrer Befüllung: Einer enthielt Blei, der andere Bananen – was aber von außen nicht sichtbar war. Um an das Futter zu gelangen, hätten sich die Affen das Muster der Becher einprägen müssen – und das misslang. „Der Versuchsaufbau war eindeutig zu abstrakt. Wenn das Gewicht einen logischen Zusammenhang mit der Lösung des Problems hat, in diesem Fall enthält der schwerere Becher das Futter, scheint es für die Tiere einfacher zu sein, die Aufgabe zu lösen.“ Gewicht ist also für Menschenaffen dann von Bedeutung, wenn es Sinn macht. „Das ließ sich schon im Freiland nachweisen“, weiß Schrauf. „Schimpansen verwenden Steine zum Aufknacken von Nüssen. Die Tiere wählen ihre Werkzeuge nach dem Gewicht aus. Je härter die Nuss, desto schwerer der gewählte Stein.“