Die deutsche Autorin Elisabeth Rank legt ein leises Debüt, aber kein Generationenporträt vor. Ein Buch über die erste Krise im Leben junger Erwachsener und den Abschied von der Kindheit.
Hans, Ilona und Marike. So haben Tonias Puppen geheißen. Die Puppen und die Puppenstube kommen Tonia in den Sinn, während sie mit ihrer besten Freundin Lene durch Norddeutschland fährt. Die beiden befinden sich auf einem Roadtrip der besonderen Art. Der besonders traurigen Art. Sie sind auf der Flucht vor der Erinnerung und auf der Suche nach Zerstreuung. Um die Erinnerung, das Abschiednehmen von Gewohntem und nicht zuletzt von der Kindheit, dreht sich in Elisabeth Ranks Debüt alles.
Dieser Bücherfrühling scheint ein junger zu werden. Nach dem zunächst geradezu hymnisch gelobten Debüt der 18-jährigen Helene Hegemann, auf das eine trotzige Abwehrreaktion des deutschsprachigen Feuilletons folgte, nachdem bekannt wurde, dass die junge Frau viele Teile ihres Buches aus Blogs und Büchern übernommen hat, ohne diese als Quellen anzugeben, liefert der Suhrkamp Verlag nun das Romandebüt einer ebenfalls noch jungen Autorin. Elisabeth Rank könnte Helene Hegemanns größere Schwester sein – und lobt sie in Interviews auch wie eine stolze Schwester, die ihr aber, wäre sie das tatsächlich, geraten hätte „die Quellen auszuweisen“.
Rank ist 25 und ebenso internetaffin wie ihre jüngere Kollegin. Nur hat sie bereits gelernt, damit umzugehen. Sie ist in nicht weniger als sieben Social Networks registriert, hat einen eigenen Blog (www.mevme.com) und bis Dezember 2008 auch Geschichten auf der österreichischen FM4-Website veröffentlicht. Kurz gesagt: Elisabeth Rank schreibt nicht ab, weil sie dafür gar keine Zeit hat.
Literarische Spielwiese Internet. Ranks Webpräsenz fällt auf und das Einzige, was man ihr dabei vielleicht zum Vorwurf machen kann: Sie scheint es zu mögen, sich in jeder dieser Plattformen anders darzustellen, mit ihrer Identität als „Lisa“, wie sie sich in ihren Blog nennt, bewusst zu spielen. Ein Redakteur der Online-„Faz“ hat sich bereits im November 2008, lang vor Erscheinen ihres ersten Romans, die Mühe gemacht, ihre vielen leicht abgeänderten Identitäten darzustellen.
Das Internet ist für Rank also eine Spielwiese, auf der sie ihr literarisches Können geprobt hat. Umso erstaunlicher, dass in „Und im Zweifel für dich selbst“ das Internet – ja, nicht einmal Notebooks oder iPhones – kein einziges Mal erwähnt werden. Erstaunlich auch deshalb, weil manche Kritiker (und sogar der Klappentext) schon davon sprechen, dass Rank mit ihrem Roman ein „Generationenporträt“ geschaffen hat.
Und das ist es mit ziemlicher Sicherheit nicht. Oder nur dann, wenn man die Darstellung des manchmal schmerzvollen, manchmal spielend einfachen Ablösungsprozesses von Kindheit und Eltern, von Geborgenheit und erster Liebe, als ein solches Porträt einer ganzen Generation deuten will.
Tragischer Tod. Tonia und Lene haben allen Grund, vollkommen aus der Bahn geworfen zu sein. Lenes Freund Tim, zu dem auch Tonia eine enge Verbindung hatte, kommt bei einem Autounfall ums Leben. Kurz nachdem Lene davon erfährt, steht sie vor Tonias WG-Wohnung und will nur mehr weg. Weg aus der Stadt, weg aus dem Leben, das sie an Tim erinnert, weg von dem Schmerz und der Trauer, die sie lähmen. Die beiden jungen Frauen fahren durch deutsche Kleinstädte, an die Ostsee und erleben durch einen bleiernen Schleier der Trauer skurrile und schreckliche Stunden. Und was tut man, wenn in der Tragik plötzlich wieder etwas Schönes, etwas Lebenswertes passiert? Auch die Freundschaft der Mädchen wird hart auf die Probe gestellt.
Elisabeth Ranks schmaler Roman ist kein echtes Statement für eine ganze Generation. Sie nimmt auf nichts Bezug, wirft nicht mit Metaphern um sich, wie das Kollegin Hegemann in „Axolotl Roadkill“ fast schon zwanghaft tut. Sie blendet Dinge wie den Leistungsdruck der Generation Praktikum fast gänzlich aus. Formuliert stattdessen ein Gefühl, das Gleichaltrige durchaus kennen: die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach der heilen Welt der Kindheit, nach bedingungsloser Liebe – allesamt vielleicht doch wieder Reaktionen auf die Überforderung durch die leistungsorientierte Welt.
Elisabeth Rank, Und im Zweifel für dich selbst, Suhrkamp Nova, 200 Seiten, 13,30 Euro
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2010)