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Verschleiert durch Wien: Wie man sein Gesicht verliert

sein Gesicht verliert
Burka(c) Clemens Fabry
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In Frankreich werden derzeit unter dem Schlagwort "Burkaverbot" Sanktionen gegen verschleierte Frauen geprüft. Aber wie fühlt es sich an, in einer Burka durch die Stadt zu gehen, einzukaufen und U-Bahn zu fahren?

Die Straße zerfällt in Rechtecke; winzige, verwackelte Felder, unscharf durch grauen Polyester getrennt, der rau ist und den Atem feucht staut. Meinen Atem, der unregelmäßiger geht als sonst. Denn ich bin heute „eine Herausforderung für die Werte der (französischen) Republik“, „ein Symbol der Unterdrückung“. Ich trage heute Burka.

Hellgrau ist sie und nur geliehen. Ihr Eigentümer hat sie sich vom Markt in Peschawar, Pakistan, mitbringen lassen. Warum? Ich war neugierig, sagt er. Ich auch. Einen Tag lang will ich einen Kampfbegriff durch Wien spazieren führen. Denn wenn Frankreich dieser Tage um seine Identität fürchtet und ein Verbot der muslimischen Totalverhüllung vorbereitet, redet keiner vom viel häufigeren Niqab (Gesichtsschleier), aber jeder von der Burka, dem Überwurf mit dem Sichtgitter. Zugegeben: Ein paar Stunden darunter werden mir nichts über ihre Trägerinnen verraten, aber einiges über die haptischen Herausforderungen ihres Alltags. Und außerdem viel über den Rest der Stadt.

Ich hasse Stufen. Wobei am Beginn eine banale Erkenntnis steht: Ich hasse Stufen. Sie machen mich zu einer alten Frau. Weil ich meine Füße nicht mehr sehen kann, nehme ich die Treppe zur U-Bahn wie eine Greisin. Was sonst eine Angelegenheit von Sekunden ist, dauert zwei Minuten. Überhaupt wird alles zur Konzentrationsübung: einsteigen, Rolltreppe fahren, Menschen ausweichen, die ich wegen des eingeschränkten Gesichtsfelds später wahrnehme. Es erinnert an ein Computerspiel, mit mir als Spielfigur – gut, dass ich nichts Kompliziertes vorhabe. Zunächst bloß: bummeln in der Innenstadt, etwas, das auch eine muslimische Touristin machen könnte. Nur dass Touristen fotografieren, statt abgelichtet zu werden. Vorm Demel stehen Schüler auf Wien-Besuch. Als sie mich bemerken, zücken sie die Handykameras. Später sagt mir der diskrete „Presse“-Fotograf, dass sie nicht die Einzigen sind. Tatsächlich bildet sich – am Graben wie im Dom – , sobald ich vorüber bin, immer wieder ein Halbkreis aus Gaffern. Ist das nun höflich, dass sie es zumindest hinter meinem Rücken tun?

Andersrum ist es jedenfalls weniger lustig. Und anders wird es schnell. Sobald man das Stadtzentrum verlässt, werden aus dem unfreundlichen Raunen (die Burka dämpft auch das Gehör) ganze Sätze. Am Viktor-Adler-Markt muss mir der Kollege, der mir als Augen- und Ohrenersatz in einiger Entfernung folgt, nichts mehr verdolmetschen. „Recht so“, sagt die Frau zum Hund, der mich beharrlich anbellt. Und zu mir: „Die hamma noch braucht.“ Die Frauen mit Kopftuch dagegen schauen mir still nach, interessiert, aber beiläufig. Nur eine nickt grüßend. Ansonsten folgen den Blicken oft Rufe: „Was ist mit der los?“ „Normal is das ned.“ „Fasching ist vorbei.“ Ja eh. Nach einer Viertelstunde beginne ich, mich unter der aggressiven Aufmerksamkeit zu ducken. Die Schultern werden runder, die Schritte kleiner. Als ich auf dem Markt den Verkäufer anspreche, flüstere ich schon. Schnell geht das.

Wobei die Verunsicherung – meine und die der anderen – zeigt: Die Burka ist auch in Favoriten exotisch. Laut Schätzungen gibt es in Österreich zwischen 100 und 150 voll verschleierte Frauen, d.h. solche, die ihr Gesicht bedecken, wobei der Niqab meist die Augen frei lässt. Wie viele davon Burka tragen ist offen. In Dänemark, wo es ungefähr genauso viele Vollverschleierte gibt, suchten Experten für eine Studie Burkaträgerinnen und fanden – keine. Was sind überhaupt die Gründe für radikale Verhüllung? „Manche machen es, weil sie es aus dem Herkunftsland gewohnt sind“, sagt Zeynep Elibol, Direktorin der Islamischen Fachschule für Soziale Bildung. „Manche aus Spiritualität und manche, weil Druck auf sie ausgeübt wird.“ Elibol weiß zumindest von einer bosnischen Moschee, in der Vollverschleierung gepredigt wird. Den Anteil der Frauen, die sich freiwillig komplett verhüllen, schätzt sie auf 45 Prozent. Das hieße, mindestens jede Zweite wird, subtil oder nicht, gezwungen.

Im Museum. U-Bahn-Station. Ich warte. Ein älterer Mann bleibt zu dicht vor mir stehen. Er sieht an mir herab. Geht zur Seite und wiederholt die Prozedur. Ohne Eile. Als wären wir im Museum – er als Besucher, ich als Statue. Die selbstverständliche Verdinglichung macht mich baff und stumm. Der visuellen Schmiermittel des sozialen Getriebes beraubt, ohne Blicke und Gesten, die zeigen, dass ich sehe, verstehe, als „Du“ existiere (oder hier lieber als „Sie“), bin ich eine graue Leinwand, die jeder deutet, wie er will. Das erschreckt, ist aber auch amüsant: Ein Schulkind reiht sich unter die Wartenden, in der Tasche kramend. Erst als er direkt vor mir ist, sieht er mich an – und springt mit einem Aufschrei zurück. Ich grinse ins Polyester. Als der Zug vorfährt, spiegeln die Fenster den Bahnsteig wider. Er hat recht. Ich sehe aus wie ein Geist.

Dass ich akzentfrei Deutsch spreche, hilft allerdings und ist unnötig zu verbergen, denn internationale Vergleiche zeigen, dass unter Vollverschleierten viele Konvertitinnen sind. Vielleicht auch deshalb werde ich im Supermarkt,meinem Supermarkt, sehr korrekt behandelt. Korrekt, aber kühl. Die Verkäuferin vermeidet penibel, aufs Sichtgitter zu blicken und wendet sich lieber an meinen Ellbogen, während ich versuche, im Dunkel der Geldbörse Münzen zu erkennen. Ich zahle mit viel zu großen Scheinen.

Wer bin ich? Kein Gesicht zu sehen ist nicht nur zwischenmenschlich, sondern auch rechtlich ein Problem. Was würde passieren, wenn ich mit Burka in eine Bank gehe? Oder in der U-Bahn meine Jahreskarte (mit Foto) vorweisen muss? Anima Gouda weiß es. Die Informatiklehrerin an der Islamischen Fachschule trug, nachdem sie zum Islam konvertiert war, sieben Jahre den Niqab. Freiwillig, wie sie betont. In der Bank, auf Ämtern und auf der Uni, sagt sie, habe sie den Gesichtsschleier „natürlich“ abgelegt. Nur einmal habe sie verweigert. Im Zug von Graz nach Wien. Aus Ärger. Weil ein Schaffner sie „von oben herab“ aufgefordert habe, ihr Gesicht zu zeigen, habe sie darauf bestanden, es nur einer Frau, der Sitznachbarin, zu zeigen, damit sie es mit dem Foto auf der Karte vergleichen könne. „Hätte er normal gefragt, wäre es aber kein Problem gewesen.“

In Frankreich jedenfalls soll das Verbot so funktionieren, dass komplett verhüllten Frauen in öffentlichen Spitälern, Schulen oder Verkehrsmitteln Dienstleistungen verweigert werden. In Österreich passiert das teilweise bereits – ohne explizite Regeln: Wer eine Prüfung ablegen will, muss identifiziert werden. Wer als Angeklagter vor Gericht steht, muss – weiß man seit dem Fall Mona S. – sein Gesicht zeigen. Und auf die Idee, in Burka ein Auto zu lenken, wird ja hoffentlich keine kommen. Abgesehen davon verstößt es gegen die Straßenverkehrsordnung. Unterm Strich heißt das: Überall, wo eine Identifizierung nötig ist oder die Vollverschleierung ein Sicherheitsrisiko darstellt, gibt es Sanktionen. Ein Verbot, das über solche konkreten Situationen hinausgeht, hält Verfassungsrechtsexperte Bernd-Christian Funk jedoch für unzulässig: „Eingriffe in die Grundrechte – hier die Glaubens- und Gewissensfreiheit und das Recht auf Achtung des Privatlebens – müssen dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit und der Differenziertheit gehorchen.“ Sprich: Während es bei einer Prüfung nötig sei, das Gesicht zu sehen, müsse das bei einer Vorlesung nicht unbedingt der Fall sein.

Schwierig ist auch eine andere Argumentation: Nimmt man an, der Staat müsse die Grundrechte der Frauen gegen den Zwang zur Verschleierung mittels Verbot verteidigen, muss man fragen: Wer wird gezwungen, wer nicht, und wie unterscheidet man das? Elibol ist gegen Vollverschleierung in Österreich, aber auch gegen ein Verbot: „Das hilft Frauen nicht. Sie würden vielleicht in ein anderes Land gebracht oder gar nicht mehr außer Haus gehen.“

Nicht aus dem Haus zu gehen ist aber auch mitBurka eine verlockende Vorstellung. Denn wer das „Draußen“ nur aus der Gucklochperspektive erlebt, fühlt sich dort ohnehin nicht daheim. Mit Burka flaniert man nicht, man geht von A nach B. Man macht kein Shopping, man absolviert Einkäufe. Trotzdem, sagt Gouda, sei es schön gewesen: „Nach Schicksalsschlägen war der Niqab ein Schutzwall. Er hat mich meiner Seele nähergebracht.“ Abgelegt habe sie ihn wegen ihres Mannes. „Er war immer dagegen.“

Nächster Tag, ohne Burka. Ich gehe wieder schnell, die Straße ist frei von Polyesterfäden. Im Supermarkt lächelt mich die Verkäuferin an. Bloß: Irgendwie nehme ich ihr das diesmal übel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2010)