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Buchinger-Clan: Schreiendes Rot und wahre Revoluzzer

Buchinger Erwin.
(c) APA (Georg Hochmuth)
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Sie mischen seit den 70er-Jahren in der SPÖ mit: Von den Juso-Tagen bis zu Ministerehren. Wer heute von den vier Brüdern Pragmatiker und wer Sonnyboy ist.

WieN/Engerwitzdorf. „I tat ma des nie an – so viele Kompromisse. I kriegat a Magengeschwür.“ Der Mann will das ausdrücklich nicht als überheblich verstanden wissen, was er da über seine älteren, bekannteren Brüder sagt. Der 48-Jährige heißt Christian Buchinger. Sein ältester Bruder Erwin (54) war Sozialminister und werkt seit Jahresbeginn als Behindertenanwalt. Herbert Buchinger (53) ist einer der beiden Vorstände des Arbeitsmarktservice (AMS). Reinhard Buchinger (50), früher SPÖ-Landesgeschäftsführer in Oberösterreich, ist Organisationsreferent in der Bundes-SPÖ.

Mit seiner Abrechnung mit der weitgehend ideologiefreien Politik der SPÖ unter Kanzler Werner Faymann und seinem Engagement für eine Linke Plattform in der SPÖ lässt Erwin Buchinger nach längerer Pause wieder aufhorchen. Schon als Regierungsmitglied hat er sich als „soziales Gewissen“ der SPÖ-ÖVP-Regierung gesehen. Wie man die Rolle des linken Aushängeschilds der einstigen Arbeiterpartei und programmierten Reibebaums für die ÖVP spielt, weiß er.

 

Unter „Systemkonformisten“

Dabei kann die ÖVP von Glück reden, dass ihr nicht Christian Buchinger am Regierungstisch gegenübergesessen ist. „Die drei sind die Reformer, ich bin der Revoluzzer“, sagt der Jüngste der vier Brüder, der seit 19 Jahren Betriebsratsvorsitzender und Qualitätsmanager bei E+E-Elektronik in Engerwitzdorf im unteren Mühlviertel ist. Aufgewachsen sind sie alle in Berg bei Rohrbach im oberen Mühlviertel. Wer in der Regierung sitze, könne kein Revoluzzer sein. Zugleich anerkennt er: „Innerhalb der Systemkonformisten ist er ein Revoluzzer.“

Born to be wild: Der jetzige Behindertenanwalt hatte nichts dagegen, dass in den Medien seine Leidenschaft fürs Motorradfahren Niederschlag fand und sich damit das Bild von ihm, kein fader Apparatschik zu sein, verfestigte. Erwin Buchinger trieb und treibt Unternehmer und schwarze Politiker mit Überlegungen zur höheren Besteuerung von Vermögen zur Weißglut. Betriebsrat Buchinger tut selbst, so viel er kann, um Klassenkampf und alte soziale Werte der Arbeitnehmer zu wahren. Er spielt Eigenkompositionen ebenso wie Protestlieder seines „Lieblings“ Sigi Maron, zuletzt erst an diesem Wochenende im Cafe Druzba in Linz.

Das Engagement für die Sozialdemokratie und linke Werte war den Buchinger-Brüdern de facto in die Wiege gelegt. Auch die im Vorjahr verstorbene Schwester Elisabeth (die Leiterin des Frauenbüros in der oberösterreichischen Arbeiterkammer war) sowie die zweite Schwester Maria, eine Krankenschwester, wurden im Volksschulalter geprägt. Der Grund: Der in den 70er-Jahren verstorbene Vater Erich war Sekretär der SPÖ-Bezirkspartei in Rohrbach. Dieser Bezirk war Anfang der 60er-Jahre für die SPÖ ein Granitboden. Als „rote Brut“ wurden die Kinder des Bezirkssekretärs in jungen Jahren gebrandmarkt, erinnert sich Reinhard Buchinger.

 

Doch nicht Priester

Neben den sozialen Werten waren die christlichen Wurzeln prägend. Das lag an Mutter Valerie, einer Religionslehrerin. Zeichen nach außen: Alle waren Ministranten. Eine rote Familie im tiefschwarzen Umfeld, das schweißte zusammen. Das robuste Naturell der Buben war da von Vorteil: „Wir waren intellektuell und auch körperlich wehrfähig“, sagt Erwin Buchinger. Er selbst schwankte bis zum 15./16. Lebensjahr, ob er Priester werden sollte.

Es wurde dann doch eine weltliche Karriere, die bei den Jusos und später bei den SPÖ-Studenten an der Universität Linz ins Rollen kam. Die Buchingers stampften in Oberösterreich eine starke Juso-Gruppierung aus dem Boden. „Es war fast eine Untergrundbewegung“, schildert der Ex-Minister. Deren Schlagkraft bekamen die Jusos in Wien zu spüren. Aus Josef Kalina, der damals in der Bundeshauptstadt für die Jusos aktiv war und unter Alfred Gusenbauer später SPÖ-Bundesgeschäftsführer wurde, spricht noch heute eine gewisse Ehrfurcht, wenn er hervorstreicht, dass die Landesgruppe um den „Buchinger-Clan“ jedenfalls „unheimlich gut organisiert“, aber auch „quälend“ war: „Wenn man in der SJ gewählt werden wollte, musste man sich mit denen arrangieren.“

 

„Stark dogmatisch“

Die Politisierung der Buchinger-Brüder erfolgte Ende der 60er-Jahre mit dem Protest gegen den Vietnamkrieg, mit Anti-Imperialismus und auch mit der Auflehnung gegen den Vater, der stellvertretend für das SPÖ-Establishment stand. Die Oberösterreicher seien in der SJ besonders „stark dogmatisch“ gewesen. Auch die Abgrenzung zur damaligen Sowjetunion sei ihnen besonders schwer gefallen, analysiert Kalina. Von dieser Schärfe hat sich der Ex-Minister bis heute etwas bewahrt. Man gewinnt fast den Eindruck, Privateigentümer und Vermögende gehörten am besten enteignet.

„Der Erwin war immer der Charismatiker, der Herbert immer der intellektuelle Kopf“, urteilt SPÖ-Referent Reinhard Buchinger. Bei Kalina hört sich das so an: „Der Erwin ist der Sonnyboy der Gruppe, der sehr stark die Gabe hat, Menschen zu gewinnen.“ Und: „Er ist ein sehr herzlicher Mensch.“ Weshalb man ihm heute noch im Sozialministerium nachtrauert.

So verwundert es gar nicht, dass der vormalige AMS-Leiter Erwin Buchinger nach seinem Wechsel 2004 in die Salzburger Landesregierung als Gefahr für die ebenfalls medienbewusste rote Landeshauptfrau Gabi Burgstaller betrachtet wurde. Auf Dauer war für ihn dort kein Platz. Mit den Vorarbeiten für die Mindestsicherung lieferte er im Herbst 2006 sein Gesellenstück zur Übernahme des Sozialressorts im Kabinett Gusenbauer. Nach dem Kanzlerwechsel zu Werner Faymann war in der neuen Regierung kein Platz mehr.

Wenn Erwin und Christian Buchinger auf ihre Art für schreiendes Rot stehen, so zeigt das Bild von Reinhard und Herbert Buchinger gedämpftere Rottöne. Sie sind die Pragmatiker. Der heutige AMS-Chef Herbert Buchinger ging Anfang der 90er-Jahre bei Sozialminister Josef Hesoun, einem erdigen Bau-Holz-Gewerkschafter vom alten Schlag, als Kabinettschef in ein harte Schule.

Als AMS-Chef scheut er sich auch nicht, von Arbeitssuchenden mehr Mobilität einzufordern. Seit der erstmaligen Bestellung 1994 ist er zwei Mal von Ex-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein als AMS-Boss verlängert worden. Jenem Martin Bartenstein, für den Erwin Buchinger als Minister das sprichwörtliche rote Tuch war.

 

„Meinungsfreiheit“ bei Kritik

Reinhard Buchinger ist bereits seit einem Vierteljahrhundert Parteiangestellter: zuerst im Bildungsinstitut und als Landesgeschäftsführer in Linz, seit 2001 in der SPÖ-Zentrale in der Wien. Ob ihn Erwins Kritik an der Parteiführung stört? „Das fällt für mich unter Meinungsfreiheit.“ Und: „Es ist keiner von uns unkritisch.“ Die SPÖ müsse ohnehin die Diskussion über ihren Weg führen.

Treffen sind selten – mit einer Ausnahme: Einmal im Jahr kommt die Familie im Sommer aus Anlass des Geburtstages der Mutter für zwei Tage in Klaffer im obersten Mühlviertel zusammen. Valerie Buchinger verfolgt die Karrieren ihrer Kinder mit einer Mischung aus Stolz und Bangen: „Politik ist Glatteis – heute schreien's Hosianna, morgen Kreuzigung.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2010)