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Burgtheater: Die Rückkehr der Kinderschänder

(c) APA (HERBERT PFARRHOFER)

Die Uraufführung von Thomas Vinterbergs Drama „Das Begräbnis“ gerät trotz exzellenter Besetzung zu einer plumpen Fortsetzung von „Das Fest“.

Die Weiterführung einer Erfolgsgeschichte wird leider sehr oft nur der Abklatsch des ursprünglichen Werkes. Der Weiße Hai II zum Beispiel wirkt wie die Parodie des ersten Teils. Auch der dänische Regisseur Thomas Vinterberg, der 1997 mit dem Film Das Fest den „Weißen Hai“ der Dogma-Bewegung geschaffen hat, ist in diese Falle getappt. Sein Film über einen die Kinder schändenden Vater, der von seinem Sohn bei der Geburtstagsfeier als Verbrecher enttarnt wird, war ein Welterfolg, so wie das Theaterstück, das der 1969 in Kopenhagen geborene Künstler daraus entwickelt hat.

Nun also liegt Teil II vor. Im Burgtheater wurde am Samstag „Das Begräbnis“ uraufgeführt (Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel). Vinterberg selbst führte Regie, Dogma-Altmeister Mogens Rukov hat mitgearbeitet, acht brillante Schauspieler und ein Kind wirken an diesen zweieinviertel beklemmenden Stunden mit. Alle Ingredienzien sprechen also für einen überwältigenden Theaterabend, und doch, bis auf wenige bewegende Momente und hervorragende Einzelleistungen, zeigt sich auch hier: Ein Welterfolg ist schwer zu wiederholen.

 

Zehn Jahre später: Noch einmal die Hölle

„Das Fest II“ ist plumper, streckenweise missraten, gefährlich für die Schauspieler, wenn sie an die Grenze gehen. Da wirkt sogar ein genialer Darsteller wie Martin Wuttke, der an diesem Abend insgesamt die interessanteste Leistung bietet, für Momente wie eine Revue-Rampensau. Am schlimmsten für ihn: der billige Abgang.

Wuttke ist der Sohn Christian, der sich in „Das Fest“ als Missbrauchsopfer des Vaters offenbart. Die Familie hat es danach zerrissen. Zehn Jahre später trifft sie sich das erste Mal wieder vollzählig im Hotel der Eltern, beim Begräbnis des Vaters, der von Michael König gespielt wird. Ja, auch dieser Helge steht in Traumsequenzen wie ein Zombie auf der Bühne, ein unheimlicher Wiedergänger, wie ein Zitat des Vaters von Dänenprinz Hamlet, der eine grandios in seiner reuelosen Schmierigkeit, der andere in seinem lauernden Zögern. Denn die Geschichte wiederholt sich. Christian wird sich am Sohn (Sebastian Blin) seines Bruders Michael vergehen. Oliver Stokowski spielt diesen Bruder, der nicht geschändet wurde und dennoch ein Opfer der Urangst ist, selbst einmal Täter zu werden, eindrucksvoll.

Anfangs aber müssen sich die Darsteller an seltsam verkorkste Rollen herantasten. Die Einübung gerät erst sogar deplatziert komödiantisch. Christiane von Poelnitz ist die sehr schräge Schwester des fürchterlichen Brüderpaars, Corinna Kirchhoff spielt ebenso übertrieben das schlimme Alter, die Mutter Else, ein Monster an Verdrängung.

Als Partnerinnen der Brüder agieren Johanna Wokalek (Sofie) und Dörte Lyssewski (Pia). Sie geben diesem Ensemble der Einzelgänger Kontrast und damit ein wenig Tiefe, deuten an, was dem Drama fehlt: die Vielschichtigkeit der Sprache. Wenn Wokalek der Abendgesellschaft nervös eröffnet, dass sie und Michael heiraten werden, ist das die allertraurigste Szene, so wie auch jene, in der Lyssewski als Christians Frau einen romantischen Abend im Hotelzimmer vorbereitet, mit Blumen und Reizwäsche. Beide sehnen sich nach Normalität, die aber in dieser Horrorfamilie unerreichbar ist. Denn hier herrscht absolute Verdrängung. Man schüttet sich und seine Geschichte mit Alkohol zu. Die Mutter will nichts wissen von den Verbrechen, sogar der Koch (Tilo Nest), dessen Küche aus Stahl vorn an der Rampe wie aus der Unterwelt auftaucht, sympathisiert mit dem Täter, sieht in ihm nur das frühere Opfer. Lauter Mittäter.

Der Gipfel der Grausamkeit wird durch die riesige Drehbühne (Johannes Schütz) erzeugt, auf der sich die Räume des Hotels mit einfachen grauen Kulissen öffnen und schließen. Vorn versuchen die Geschwister, ihre Familienhölle zu bewältigen, aus dem Off hört man zugleich das Gelächter im Salon. Die Bilder drehen sich beständig weiter in diesem heimtückischen Gesellschaftsdrama, nur einmal gibt es ein Zentrum. Der Bub steht schutzlos in der Mitte unter der erleuchteten Dusche. Am Rande, in der Finsternis, schleicht der böse Onkel vorbei – das Opfer, das zum Täter wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2010)