„Probleme lösen geht Montag und Mittwoch“

Das Unterstützungspersonal ist an Schulen restlos ausgebucht – für die allerdringendsten Fälle. Viele der Schwierigkeiten bleiben so am Wunderwuzzi Lehrer hängen.

Tür zu, Hefte auf – und los geht's mit dem ABC oder dem Einmaleins: Das ist in manchen Klassen eine Illusion. „Bevor man zum eigentlichen Unterrichten kommt, muss man sich oft erst einmal um verschiedene Probleme kümmern“, erzählt ein Direktor einer Wiener Volksschule. „Da sind die Buntstifte nicht gespitzt oder gar nicht vorhanden, man muss erst einmal Konflikte, die die Kinder etwa von zu Hause mitbringen, aufarbeiten, um den Kopf frei zu machen für den Unterricht.“

In seine Schule – und wohl auch in viele andere, die sich in Gegenden befinden, in denen das Publikum nicht gerade privilegiert ist – kommen teils Kinder, die sich mit den einfachsten Dingen schwertun, trotz dem einen verpflichtenden Kindergartenjahr. „Die nicht wissen, wie man würfelt oder wie man ein einfaches Kartenspiel spielt“, schildert er. „Da gibt es Entwicklungsrückstände in vielen Alltagsdingen, so banal das klingen mag: beim Aus- und Anziehen fürs Turnen, bei der Frage, wie man damit umgeht, wenn einem jemand den Radiergummi wegnimmt, wie man sich in einer Gruppe verhält.“


Arm, ungebildet. Dabei gehe es nicht speziell um Migranten. „Diese Problematik orte ich bei Familien unabhängig von ihrer Herkunft“, sagt der Direktor. Sie gründe auf Armut und fehlender Bildung. „Auch Urwiener Familien sind nicht frei von Problemen, die die Kinder dann mit in die Schulen schleppen.“ Die Frage, wann er diese lösen kann, beantwortet der Direktor pointiert: „Montag und Mittwoch.“ An diesen Tagen ist die Beratungslehrerin an der Schule – die übrige Zeit an anderen. „Ich brauchte sie die ganze Woche.“ Dasselbe gelte für die Schulärztin und für einen Sozialarbeiter. Dass die Sozialarbeiter aus dem Integrationspaket nicht weiterfinanziert werden – mit dem Argument, dass das für den Gipfel der Flüchtlingskrise nötig gewesen sei –, schmerze. „Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, bestehen ja weiter.“


Nur Spitzen. Einer anderen Direktorin, die ebenfalls in Wien eine Volksschule leitet, geht es ähnlich. „Man kann nicht alle betreuen, nur die Spitzen“, sagt sie. „Die Fälle, bei denen irgendetwas aufbricht, bei denen man sofort reagieren muss.“ Das sind im schlimmsten Fall Kinder, die so vernachlässigt werden, dass das Jugendamt eingeschaltet werden muss, die von Gewalt in der Familie betroffen sind oder deren Eltern drogenabhängig sind. „Bei vielen anderen geht es sich einfach nicht aus.“

Die Beratungslehrerin, die jede Woche elf Stunden an der Schule ist, ist komplett ausgebucht. Seit einigen Monaten kommt alle zwei Wochen eine Schulpsychologin. „Ich bin schon froh, dass ich das habe“, sagt die Direktorin. „Aber die Ressourcen sind knapp.“ Sie würde sich wünschen, dass die Psychologin zumindest jede Woche kommt, angesichts der Personalsituation hält sie das aber für illusorisch. Bis dahin ist es eben so: „Die Lehrerinnen tun ihr Bestes. Und wenn es akut wird, dann sitzt ein Schüler halt bei mir.“


Alleingelassen. „Wunderwuzzi würde ganz gut passen“, beschreibt ein Schuldirektor den Job des Lehrers. „Man ist teilweise Elternersatz, man ist einerseits Vertrauensperson, andererseits Respektsperson. Man hat sozialarbeiterische und psychologische Aufgaben zu übernehmen – viele Dinge, in denen wir einfach auch nicht entsprechend ausgebildet sind.“ Das sei auch ein Problem für die Kinder.

„Auch wenn Lehrerinnen sie nach bestem Wissen und Gewissen betreuen, kann das Ergebnis nie so sein, als würde das wirklich ein Spezialist übernehmen.“ Daher brauche es eben Personal, das den Lehrern das abnehmen könne oder sie zumindest mit Know-how unterstütze. „Denn sonst fühlt man sich ziemlich alleingelassen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2018)